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Die französische Republik und ihre Paläste

Jedes Jahr an einem Wochenende im September, an den Tagen des offenen Denkmals, (Journées du Patrimoine), schwärmen die Franzosen in Scharen aus, um die zu diesem Anlass ausnahmsweise für die Öffentlichkeit zugänglich gemachten historischen Bauwerke zu besichtigen. In Paris müssen Interessierte dabei stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen, bevor sie den Elysée-Palast oder das Hôtel Matignon betreten können.

Was steckt hinter dieser Leidenschaft für die Residenzen des Staatspräsidenten und des Premierministers? Nicht nur Politikbegeisterung. Diese Regierungsgebäude interessieren auch und vor allem, weil sie, ebenso wie die Amtssitze vieler französischer Minister, älter sind als die französische Republik. Und weil sie die „goldenen“ Zeichen einer ihrerseits bereits illustren Vergangenheit bewahrt haben. Dies ist eine französische Besonderheit, Lichtjahre entfernt von der kühlen Sachlichkeit deutscher oder skandinavischer Ministerialgebäude.

Volksvertreter in altem Glanz

Die Abgeordneten etwa arbeiten in der ehemaligen Residenz der Herzogin von Bourbon (heute bekannt als Palais Bourbon), während sich der Amtssitz des Präsidenten der französischen Nationalversammlung in der ehemaligen Residenz des Marquis de Lassay befindet: Die beiden am Ufer der Seine gelegenen, benachbarten Stadtpalais wurden 1792 beschlagnahmt (ihr Eigentümer, der Fürst von Condé, war beim Ausbruch der Revolution 1789 ins Ausland geflohen). Sie beherbergten zunächst die neue Polytechnische Schule, bevor sie ab 1795 den Volksvertretern zur Verfügung gestellt wurden. Dies ging nicht ohne notwendige Umbauten vonstatten, allein schon um einen Plenarsaal einzurichten und die früheren Empfangssäle in Arbeitsräume umzuwandeln (die Abgeordneten bezogen das Gebäude im Jahr 1798). Ähnlich verhielt es sich beim Senat, dem Oberhaus des französischen Parlaments, dessen Sitz, der im gleichnamigen Park befindliche Palais du Luxembourg, ursprünglich für die französische Königin Marie de‘ Medici errichtet worden war.

Früher Kaiser-Residenz, heute Sitz des Präsidenten

Als Madame de Pompadour, die Geliebte von König Ludwig XV., im Jahr 1750 ein Stadtpalais in einem der angesagten Viertel von Paris erwirbt, trägt dieses noch nicht den Namen Elysée-Palast. Nach ihrem Tod erbt es Ludwig XV. – einer der berühmten Eigentümer, gefolgt insbesondere von Ludwig XVI. und Napoleon I. Der Kaiser residierte sogar mehrere Jahre in dem Gebäude und unterzeichnete dort auch seine Abdankung. Das Gebäude, das 1848 zum Amtssitz des Präsidenten der französischen Republik wurde, ist also nicht nur von königlicher, sondern gar kaiserlicher Abstammung.

Residenz des Premierministers

Das Hôtel Matignon ist seit 1922 Staatseigentum und wurde in den 1930er-Jahren zur Residenz des Ministerpräsidenten, dem heutigen Premierminister. Auch dieses Stadtpalais, das noch heute Schätze im französischen Stil des 18. Jahrhunderts zur Schau stellt, hat eine bewegte Vergangenheit: Napoleon I. zählt ebenfalls zu seinen Eigentümern … Und von 1889 bis 1914 hatte die österreichisch-ungarische Botschaft hier ihren Sitz.

Recycling der alten herrschaftlichen Wirkstätten

„Nichts geht verloren, nichts wird erschaffen, alles wandelt sich“, stellte seinerzeit schon der französische Chemiker Lavoisier fest. All diese Gebäude wurden zwar auch wegen ihrer prunkhaften Erscheinung, in allererster Linie aber ganz praktisch, aufgrund ihrer Lage und Nähe zueinander, ausgewählt. Denn die meisten von ihnen sind in den zentralen Bezirken von Paris angesiedelt, d.h. in strategisch günstigen Bereichen der Stadt. Man muss natürlich die Amtssitze der einzelnen Minister von denen ihrer jeweiligen Verwaltungen unterscheiden, welche in verschiedenen (teils zahlreichen) und sehr viel moderneren Gebäuden untergebracht sind.

Es gibt auch moderne Gebäude

Aus Platz- und Modernisierungsgründen sind neue Niederlassungen entstanden: Die Mitarbeiter des französischen Finanzministeriums und ihre Amtsherren verließen 1989 den Richelieu-Flügel des Louvre (ehemals Residenz des französischen Königs, bevor er zum Museum wurde), um das moderne, von Paul Chemotov entworfene Gebäude in Bercy zu beziehen. Das französische Verteidigungsministerium zog 2015 in ganz neue Gebäude im Südosten von Paris, welche bereits den Spitznamen „französisches Pentagon“ tragen. Der Verteidigungsminister selbst behielt seinen Amtssitz in dem im 7. Pariser Arrondissement gelegenen Hôtel de Brienne allerdings bei.

Gleichermaßen wurde auch das französische Außenministerium neu geordnet, indem ein Teil seiner Dienste in den ehemaligen Sitz der Imprimerie Nationale ausgelagert wurde – nach einer umfangreichen Gebäudesanierung durch einen privaten Bauträger. Der französische Außenminister selbst empfängt ausländische Gäste aber weiterhin im „Quai d’Orsay“. Der in unmittelbarer Nachbarschaft zur Nationalversammlung befindliche Amtssitz des Ministers verdankt seinen Namen seiner Lage am Ufer der Seine. Im Jahr 1855 vollendet, war er das erste von der französischen Republik für einen Minister erbaute Gebäude. Errichtet auf dem ehemaligen Garten des angrenzenden Hôtel de Lassay. Man muss bereit sein, zu teilen…

***

Die „Paläste“, in denen die französischen Volksvertreter ausländische Gäste und Amtskolleg*innen empfangen, sind eine Kulisse, gleich einem Buch, welches die Geschichte Frankreichs vor ihren Augen ausbreitet (auch das ist Diplomatie); sie rufen jedoch auch unablässig (vage) Erinnerungen an die Monarchie wach: Tagt der Kongress des französischen Parlaments (Congrès du Parlement), bestehend aus Assemblée nationale (Unterhaus) und Sénat (Oberhaus), der zuletzt im November 2016, drei Tage nach den Attentaten vom 13. November einberufen wurde, etwa nicht in Versailles, in einem Flügel des einstigen Schlosses von König Ludwig XVI.?

Die Minister und ihre Kabinette sind freilich nur vorübergehende Palast-Bewohner, und bis zum Sommer werden die Klingelschilder ausgetauscht.

Claire Gloaguen
Claire Gloaguen
Claire Gloaguen ist Austauschbeamtin im Deutschen Bundestag und hat 2016 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.

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