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Berichte aus vier französischen Regionen

Arbeitsmarktsituation und wirtschaftliche Lage sind wichtige Themen des Präsidentschaftswahlkampfs. Auch wenn das Auf und Ab dieses ungewöhnlichen Wahlkampfs diese Themen immer wieder überlagert. Wir wollten wissen, wie es in den französischen Regionen aussieht – wie und ob sich der Wahlkampf dort niederschlägt. Die Antworten betreffen den Norden, Nordosten, Süden und die Übersee-Region Martinique.

Hauts-de-France

Xavier de Glowczewski

Soziale Lage und Beschäftigungssituation in der Region

Die Region Hauts-de-France liegt im Norden Frankreichs, an der Grenze zu Belgien. Ende 2016 waren dort 12,2 Prozent der Erwerbsbevölkerung von Arbeitslosigkeit betroffen. Seit ca. einem Jahr ist ein leichter Rückgang der Arbeitslosigkeit zu beobachten. Im gleichen Zeitraum lag die Arbeitslosenquote im Landesdurchschnitt (Kontinentalfrankreich, ohne Überseegebiete) bei 9,7 Prozent. Laut INSEE (Institut national de la statistique et des études économiques; dt. Nationales Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien, entspricht dem Statistischen Bundesamt) ist fast jeder dritte Berufsanfänger in der Region erwerbslos. Im Landesdurchschnitt ist es jeder vierte.

Mit teils über 15 Prozent Arbeitslosigkeit sind die einstigen Metall- und Bergbaureviere der Départements Nord und Pas-de-Calais (Lens, Valenciennes, Maubeuge), aber auch die ehemaligen Zentren der Textilindustrie (Roubaix-Tourcoing) sowie die Hafenstädte (Calais und Boulogne-sur-mer) am stärksten betroffen. In Lille (10 Prozent Arbeitslosigkeit) gestaltet sich die Lage etwas besser.

Besonders stark vertretene Wirtschaftszweige oder solche, die in Schwierigkeiten sind

Die Arbeitslosenzahlen spiegeln nicht die Vitalität der regionalen Industriestruktur wieder. 20 Prozent der Erwerbstätigen sind in der Industrie beschäftigt, was Hauts-de-France zur viertgrößten französischen Industrieregion macht. Es gibt eine gewachsene Industriestruktur, die zweifellos seit Beginn der 1970er-Jahre eine schwere Krise durchlebt (Textil-,- Kohle- und Stahlbranche). Aber es finden sich auch industrielle Flaggschiffe: Hauts-de-France ist die führende französische Region in den Industriezweigen Stahl sowie Glas (mit dem Weltkonzern ARC) und Schienenverkehr, und die zweitstärkste französische Region in den Branchen Automobil, Papier und Pappe sowie Textil. Einige Unternehmensgruppen haben außerdem ihren Sitz in der Region, etwa die Konzerne Auchan, Leroy-Merlin, Decathlon und Castorama aus dem Dienstleistungssektor (31 Milliarden Euro Gesamtumsatz); die Konzerne Roquette, Lesaffre und Bonduelle im Bereich der Landwirtschafts- und Nahrungsmittelindustrie; oder die Unternehmensgruppe Damartex in der Textil- und Vertriebsbranche.

Es gibt erhebliche territoriale Ungleichheiten: Lille ist die Umstellung auf den Dienstleistungssektor gelungen und es hat sich die Anbindung an das französische Schnellzugnetz TGV voll und ganz zunutze gemacht. Es tritt heute als moderne und dynamische Stadt auf (Lille war 2004 französische Kulturhauptstadt), mit einer agilen Unternehmensstruktur, die von traditionsreichen industriellen Familienbetrieben gespeist wird (Mulliez, Bonduelle, Lesaffre usw.). In einigen Gebieten gibt es ein üppiges Netzwerk kleiner und mittelständischer Betriebe (KMU), allerdings ohne wirkliches industrielles Zugpferd (Arras, Boulogne, Sambre-Avesnois). Andere sind im Gegensatz dazu von der Präsenz eines großen Arbeitgebers geprägt, man denke etwa an Saint-Omer (ARC International) oder Berck-Montreuil (Valéo); Toyota in Valenciennes oder Renault in Douai.

Die Informationstechnologie- und Kommunikationsbranche ist zu einem wichtigen Arbeitgeber für die Region geworden. Die Stadt Roubaix etwa, die bislang vor allem für ihre sozialen Probleme bekannt war, ist dennoch Firmensitz von OVH, einem der weltweit führenden Unternehmen im Bereich des Hostings von Internetauftritten – in Europa sogar die Nr. 1.

Häufig unterschätzt, ist der Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Region. Die Einnahmen aus dem touristischen Verbrauch belaufen sich auf 5,6 Milliarden Euro, was 4,1 Prozent des BIP entspricht und 69.000 Arbeitsplätze darstellt. Im Jahr 2016 erlebte die Branche einen Zuwachs von 6 Prozent. Im Vergleich dazu zählt die Landwirtschafts- und Nahrungsmittelindustrie als größter Industriezweig der Region etwa 50.000 abhängig Beschäftigte.

Werden diese Stärken und Schwächen im Präsidentschaftswahlkampf thematisiert? Wenn ja, wie?

Auch wenn es der Stadt Lille gelungen ist, ein sehr positives Image zurückzugewinnen, so ist die Region Hauts-de-France doch häufig Zielscheibe von Spott. Sie ist zweifellos ein Sammelbecken sozialer Probleme, umso mehr, da die neugeschaffenen Beschäftigungsverhältnisse nicht ausreichen, um die in einigen Teilen des Hoheitsgebiets grassierende Arbeitslosigkeit zu kompensieren.

Der Präsidentschaftskandidat der Bewegung En Marche, Emmanuel Macron, ist der Ansicht, dass „die Region eine Vorreiterrolle bei der Energiewende und der thermischen Wende“ übernehmen solle, befasste sich anlässlich eines Besuchs im ehemaligen Bergbaurevier jedoch auch mit den Fragen der Familienarmut und der Arbeitslosigkeit. Seine Äußerungen zum Alkoholismus und zur Nikotinabhängigkeit in diesem Zusammenhang sorgten übrigens für eine heftige Debatte.

Haben einer oder mehrere Präsidentschaftskandidat*innen in den vergangenen Monaten die Region besucht?

Für die Präsidentschaftskandidat*innen ist ein Besuch der Region Hauts-de-France quasi Pflicht. Und das aus verschiedenen Gründen:

  • Hauts-de-France ist eine ehemalige Hochburg der Linken, in der große Geschichte geschrieben wurde. Alle Kandidat*innen bei den Vorwahlen der Linken haben der Region deshalb einen Besuch abgestattet. Martine Aubry ist zudem Bürgermeisterin von Lille; die ehemalige Parteivorsitzende der PS hat nach wie vor politisches Gewicht. Neben Emmanuel Macron hat auch Benoît Hamon bereits eine Versammlung in Lille abgehalten.
  • Aktueller Präsident des Regionalrats von Hauts-de-France ist Xavier Bertrand (LR), der bei den Regionalwahlen gegen Marine Le Pen gewann. Es handelt sich also um eine bedeutende Wählerschaft. Auch François Fillon veranstaltete übrigens kürzlich eine Versammlung in Compiègne im Département Oise. Schließlich kommen auch wichtige Persönlichkeiten der LR aus der Region, etwa Eric Woerth, Bürgermeister von Chantilly und ehemaliger Minister, oder aber Gérald Darmanin, der junge Bürgermeister von Tourcoing und Shootingstar der Konservativen.
  • Die Region ist vor allem Austragungsort politischer Kämpfe, insbesondere im ehemaligen Bergbaurevier, das nach wie vor stark von der Krise betroffen ist und eine hohe Arbeitslosigkeit verzeichnet. Jean-Luc Mélenchon trat hier bei den Parlamentswahlen 2012 gegen Marine Le Pen an, beide verloren damals. Bei den letzten Regionalwahlen konnte der FN 42 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, gegenüber 58 Prozent für LR (die PS hatte ihre Kandidatur zurückgezogen, um einen Sieg des FN zu verhindern).

Bourgogne-Franche-Comté

Marc Foglia

Soziale Lage und Beschäftigungssituation in der Region

In der Region Bourgogne-Franche-Comté im Nordosten Frankreichs lag die Arbeitslosenquote Ende 2016 bei 9 Prozent. Das Département Jura hat mit 7,7 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote; im an der Grenze zur Schweiz gelegenen Département Doubs betrug sie im gleichen Zeitraum 9,2 Prozent. Dort gibt es einige Besonderheiten, zum einen bedingt durch die räumliche Nähe zur Schweiz, mit einer sehr geringen Arbeitslosigkeit in der Grenzregion. Innerhalb dieses Départements bestehen erhebliche soziale Ungleichheiten, mit einer Konzentration der hohen Einkommen in der Grenzregion (Pontarlier, Morteau) und im Einzugsgebiet der Stadt Besançon. Die höchste Arbeitslosenquote der Region verzeichnet das Département Territoire de Belfort mit 10,9 Prozent.

Besonders stark vertretene Wirtschaftszweige oder solche, die in Schwierigkeiten sind

Industrie und Landwirtschaft haben Bedeutung für die Region als Sektoren, die (nach wie vor) einen erheblichen Teil der Erwerbstätigen beschäftigen. Was die Industrie betrifft, so ist der Norden des Départements Doubs (Montbéliard, Sochaux) vom Wohlergehen Peugeots abhängig. Nach einer Phase starker Besorgnis hat sich die Lage des Autobauers und der Automobilbranche im Allgemeinen wieder erholt. Im Gebiet Hauts-Doubs steht man mit einem Fuß in der Schweiz: Die Bewohner*innen der Grenzregion arbeiten in der Uhrenerzeugung oder im Dienstleistungssektor, die Gehälter sind dreimal so hoch wie im restlichen Frankreich.

Die Landwirtschaft konzentriert sich vorrangig auf Milchkühe. Die Herstellung des berühmten französischen Käses Comté ist bis ins 12. Jahrhundert belegt und profitiert seit 1958 von einer geschützten Herkunftsbezeichnung (frz. Appellation d’Origine Contrôlée, AOC). Die Landwirte verdienen gut und man kann den wirtschaftlichen Erfolg der Comté-Branche nur bewundern.

Werden diese Stärken und Schwächen im Präsidentschaftswahlkampf thematisiert? Wenn ja, wie?

Nein, das kann man so nicht sagen. Zu beobachten ist, exemplarisch am Département Doubs, dass sich die Bevölkerung des Départements vom politischen und medialen Pariser Mikrokosmos sehr weit entfernt fühlt. Die Bürger*innen betrachten die Politik mit Misstrauen und meinen, dass ihre Interessen in Paris nur schwach vertreten sind. Regierungsentscheidungen erscheinen hier oft wirklichkeitsfremd und wirkungslos, etwa die kürzlich auf Grundlage des NOTRe-Gesetzes (Loi sur la Nouvelle Organisation Territoriale de la République, dt. Gesetz über die territoriale Neuordnung des Staatsgebiets) vollzogene Territorialreform oder der Zusammenschluss der Regionen Bourgogne und Franche-Comté.

Haben einer oder mehrere Präsidentschaftskandidat*innen in den vergangenen Monaten die Region besucht?

Der Bürgermeister von Besançon, Jean-Louis Fousseret, war einer der ersten Unterstützer Emmanuel Macrons. Damals noch im Amt des Wirtschaftsministers, besuchte Macron im September 2016 die Micronora, die Internationale Messe der Mikrotechnikbranche in Besançon, die vor kurzem auch auf die Nanotechnologien ausgeweitet wurde.

Occitanie

Dorothée Cailleux und Selma Polovina

Soziale Lage und Beschäftigungssituation in der Region

Die französische Verwaltungsregion Occitanie ist aus dem Zusammenschluss der Regionen Languedoc-Roussillon und Midi-Pyrénées entstanden und umfasst 36 Prozent des kulturellen Gebiets Okzitaniens sowie einen Teil Kataloniens. Sie liegt im äußersten Süden des Landes am Mittelmeer, an der Grenze zu Spanien.

Die Arbeitslosenquote in der Region betrug im vierten Quartal 2016 11,6 Prozent. Die Départements Lozère (6,2 Prozent) und Aveyron (7,3 Prozent) stehen dabei besser da als weiter östlich und südlich gelegenen Départements der Region, wie Gard (13,4 Prozent), Hérault (13,9 Prozent), Aude (13,3 Prozent) und Pyrénées-Orientales (15,3 Prozent).

Die Region und vor allem der Großraum Toulouse sind nach wie vor relativ dynamisch. Und die ehemalige Region Midi-Pyrénées ist tatsächlich der wahre Jobmotor der neugeschaffenen Region Okzitanien. Von den 337.121 im Jahr 2016 in der gesamten Region ausgeschriebenen Beschäftigungsverhältnissen lagen 65% im Gebiet Midi-Pyrénées und 35% im Languedoc-Roussillon. Insgesamt ist Okzitanien damit die drittstärkste Region Frankreichs, was die Menge der Stellenangebote betrifft. Wie in ganz Frankreich sind jedoch die meisten neuen Beschäftigungsverhältnisse auch in der Region Occitanie nur befristet.

Besonders stark vertretene Wirtschaftszweige oder solche, die in Schwierigkeiten sind

Die Präsenz der Luft- und Raumfahrtindustrie, die Konzentration der Entscheidungs- und Forschungszentren und die Ausstrahlung der Metropole Toulouse sind gleichermaßen Erklärungsfaktoren für die hohe Anziehungskraft der Region. Die Dynamik der Branchenriesen wie Airbus oder Thalès, aber auch die der Subunternehmer, der  Zulieferer oder der Dienstleister ist ein enormer Attraktivitätsmotor: Diese Betriebe stärken die produktive Beschäftigung und ziehen vor allem Fachkräfte an; das macht die Region zur wichtigsten europäischen Region für die Luftfahrtindustrie.

Der Transport- und der Handelssektor tun sich nach wie vor schwer. Aber die Region profitiert auch von anderen starken Wirtschaftssektoren. Landwirtschaftliche Nutzflächen nehmen rund die Hälfte der Fläche der Region ein. Aveyron ist das zweitwichtigste Département Frankreichs, was die Anzahl der Biobetriebe betrifft, im Wesentlichen mit extensiver Viehzucht, und die Erzeugnisse werden stark exportiert (Fleisch insbesondere nach Italien). Ebenfalls erwähnenswert sind die Käsereien (Roquefort), welche ebenfalls viele Arbeitskräfte beschäftigen. Im Bereich Tourismus ist Occitanie die viertgrößte Tourismusregion Frankreichs. Entwickeln tut sich vor allem der Ökotourismus. Im Département Aveyron gibt es auch viele Pilger und andere Wanderer, da der Jakobsweg durch Conques führt. Das Viadukt von Millau zieht ebenfalls Neugierige an. Und was das neue Soulages-Museum betrifft, das vor kurzem von François Hollande in Rodez eingeweiht wurde, so liegen die Besucherzahlen über den Erwartungen.

Weitere starke Sektoren sind:

  • Gesundheit und Life Science (Spitzenreiter)
  • Forschung (bedeutendste französische Region in diesem Bereich)
  • stark wachsende Küstenwirtschaft: Phänomen des „Blauen Wachstums“

Haben einer oder mehrere Präsidentschaftskandidat*innen in den vergangenen Monaten die Region besucht?

Im Zuge des Präsidentschaftswahlkampfs 2017 besuchte Manuel Valls am 12. Dezember 2016 das Département Aude. Der ehemalige Premierminister sollte das neue Gesundheitszentrum besuchen, dessen erster Teilabschnitt vor knapp einem Monat eröffnet wurde. Erbaut auf Grundlage einer Partnerschaft zwischen öffentlichem und privatem Sektor, ist das Ziel dieser Einrichtung, die Integration des Klinikums Lordat (Pflege und Rehabilitation) und der Union sanitaire et sociale Aude Pyrénées (dt. Verbund für Gesundheit und Soziales des Départements Aude Pyrénées; Psychiatrie und Tagesklinik) in den Standort des Spitalzentrums Castelnaudary. Ein weiterer Besuch des ehemaligen Premierministers fand am 14. Januar in Tournefeuille statt, wo er eine der vier Versammlungen seines Wahlkampfes abhielt.

Martinique

Jean-Michel Hauteville

Soziale Lage und Beschäftigungssituation in der Region

Die Arbeitsmarktsituation gestaltet sich auf der Antilleninsel Martinique sehr schlecht. Martinique ist ein französisches Übersee-Département und eine eigenständige Region. Laut INSEE (Institut national de la statistique et des études économiques; dt. Nationales Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien, entspricht dem Statistischen Bundesamt) betrug die Arbeitslosenquote nach der Definition der International Labour Organization ILO im Jahr 2015 mit 29.000 Arbeitslosen bei einer Erwerbsbevölkerung von 155.000 Personen nahezu 19 Prozent. Demselben Bericht zufolge lag die Erwerbslosenquote in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen (Jugendarbeitslosigkeit) sogar bei 47,4 Prozent. Die von der Präfektur der Region Martinique im Januar 2017 veröffentlichten Daten geben Aufschluss über die Zahl der bei der französischen Arbeitsagentur Pôle Emploi gemeldeten Arbeitslosen der Kategorie A (d. h. vollständig erwerbslose Arbeitssuchende), deren Kriterien von denen der IAO abweichen. Diesen Zahlen zufolge gibt es etwas mehr als 42.000 Arbeitslose, wobei jedoch keine Angaben zur Größe der gesamten Erwerbsbevölkerung gemacht werden. Deshalb ist auch keine prozentuale Einordnung möglich.

Dennoch sinkt die Arbeitslosenquote: 2013 betrug sie 22,8%. Hierzu muss man wissen, dass die Einwohnerzahl Martiniques seit mehreren Jahren erheblich schrumpft. Ein Großteil dieses Bevölkerungsrückgangs ist auf die Abwanderung junger Menschen aufgrund des Arbeitsplatzmangels zurückzuführen. Im Zeitraum 2009 bis 2014 war Martinique mit einem Verlust von 12.500 Einwohnern die französische Region mit dem stärksten Bevölkerungsrückgang.

Trotz dieses düsteren Bildes ist Martinique nach wie vor das französische Überseedépartement mit der am wenigsten katastrophalen Beschäftigungssituation: In Guadeloupe betrug der Arbeitslosenanteil im Sinne der IAO-Definition laut INSEE-Bericht 23,7 Prozent, und im Dezember 2016 lag die Zahl der bei Pôle Emploi gemeldeten Arbeitslosen in der Kategorie A bei 55.000, bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 400.000 Einwohnern (auch hier liegen keine Angaben zum Gesamtumfang des Arbeitskräftepotenzials vor, mit deren Hilfe man eine Arbeitslosenquote errechnen könnte); die Jugendarbeitslosigkeit erreichte im Jahr 2015 ganze 55 Prozent.

In Guyana lag die Arbeitslosenquote 2015 nach IAO-Definition bei 22 Prozent; bei den 15- bis 24-Jährigen betrug der Anteil der Arbeitslosen allerdings „nur“ 38,4 Prozent, was Guyana in dieser Kategorie quasi zum Musterschüler unter den französischen Überseegebieten macht.

Auf La Réunion erreichte die Arbeitslosenquote im Jahr 2015 insgesamt 24,6 Prozent und in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen 52,5 Prozent.

Besonders stark vertretene Wirtschaftszweige oder solche, die in Schwierigkeiten sind

Im Jahr 2015 arbeiteten 81 Prozent aller Erwerbstätigen auf Martinique, egal ob abhängig oder selbständig beschäftigt, im Dienstleistungssektor. Dennoch nahm der Anteil der in dieser Branche Beschäftigten im selben Jahr um 1,3 Prozentpunkte zugunsten der Baubranche ab. Die Frauen sind im Dienstleistungssektor (Servicetätigkeit) mit einem Anteil von 61,1 Prozent der Beschäftigten in der Überzahl. Mehr als die Hälfte von ihnen arbeitet in der öffentlichen Verwaltung, dem Bildungs- oder Gesundheitswesen oder im Bereich der Sozialfürsorge.

Die Tourismusbranche (Dienstleistungssektor) ist selbstverständlich ein wichtiger Arbeitgeber. Zahlreiche Tätigkeitsfelder fallen in diese Kategorie, etwa das Hotellerie- und Gaststättengewerbe, das 2008 in Martinique 2,1 Prozent der gesamten Wertschöpfung ausmachte, was 150,2 Millionen Euro entspricht. Der Tourismus ist einer der am besten integrierten Wirtschaftszweige, dank seiner arbeitsintensiven direkten oder indirekten Tätigkeiten. Allein das Hotelerie- und Gaststättengewerbe beschäftigt 3,6 Prozent der Angestellten, vereint 5,9 Prozent der Betriebsstätten auf sich und repräsentiert 7,4 Prozent der Unternehmensgründungen.

Im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung ist die Region Martinique nicht länger ein Gebiet mit überwiegend landwirtschaftlicher Tätigkeit. 2015 waren gerade einmal 6.000 Menschen, d.h. 4,4 Prozent der Erwerbsbevölkerung, in dieser Branche beschäftigt, in der zu 80 Prozent Männer arbeiten. Bananen sind auch weiterhin das wichtigste landwirtschaftliche Erzeugnis, 63,3 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeitnehmer sind auf Martinique in diesem Bereich tätig. Rund 75 Prozent der Handelsbeziehungen zwischen den Antillen und Kontinentalfrankreich drehen sich um die Banane, dem wichtigsten landwirtschaftlichen Exportprodukt der Region. Die Zuckerrohr-Zucker-Rum-Wirtschaft  beschäftigt etwa 1000 Arbeitnehmer*innen, 30 Prozent davon als Saisonkräfte. In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, dass ein Achtel aller Arbeitnehmer*innen auf Martinique  im Handel oder im Vertrieb tätig ist.

Haben einer oder mehrere Präsidentschaftskandidat*innen in den vergangenen Monaten die Region besucht?

Selbstverständlich, wie bei jedem Wahlkampf scheinen sich die französischen Politiker*innen ganz plötzlich zu erinnern, dass es die Antillen gibt! Emmanuel Macron hat die Antillen (Guadeloupe und Martinique) im Dezember 2016 besucht, nach einem merkwürdigen Fauxpas auf Twitter, wo er von den auf die Antillen „ausgewanderten“ Festlandsfranzosen sprach … Sein Aufenthalt auf Martinique am 19. Dezember dauerte 24 Stunden. Er interessierte sich auch für die wirtschaftliche Aktivität der Kleinunternehmen. Den lokalen Medien zufolge sprach er verschiedene Problemstellungen aus den Bereichen Steuerpolitik, Einzelunternehmer-Status oder der Sozialversicherung für Selbständige (RSI; Régime social des indépendants) an.

Der sozialistische Kandidat Benoît Hamon stattete Guadeloupe und Martinique vom 11. bis 13. März, einen Besuch ab. Auf Wirtschaftsebene hatte er geplant, sich mit Unternehmern, Vertretern verschiedener Verbände und Bewohnern eines sozial benachteiligten Stadtteils (frz. ZUS, zone urbaine sensible) von Fort-de-France, der Hauptstadt Martiniques, zu treffen, sowie mit professionellen Züchtern, Landwirten und Rumproduzenten.

Jean-Luc Mélenchon gönnte sich Mitte Dezember den Luxus einer 4-tägigen Reise nach Martinique und Guadeloupe; es war sein allererster Aufenthalt auf den Antillen. Was sein Wirtschaftsprogramm betrifft, ist nicht besonders viel dazu zu finden, abgesehen von seinen Besuchen eines Biomarktes und eines Krankenhauses in Martinique sowie des Hafens von Pointe-à-Pitre und eines Elektrizitätswerks in Guadeloupe.

Erwähnenswert ist auch, dass Marine Le Pen im November 2016 nach La Réunion reiste. Aber einen Besuch auf den Antillen, einem dem FN äußerst feindlich gesonnen Gebiet, wo Jean-Marie Le Pen in den 1980er- und 1990er-Jahren zahlreiche Enttäuschungen einstecken musste, scheint sie auszuschließen. Die Präsidentschaftskandidatin des FN gilt – genau wie ihr Vater vor 20 bis 30 Jahren – in Martinique und Guadeloupe als Persona non grata. Die rassistische Botschaft des FN ruft hier eine starke Ablehnung hervor und die französische Kolonialgeschichte ist nach wie vor ein äußerst sensibles Thema.

Dorothée Cailleux
Dorothée Cailleux
Dorothée Cailleux ist Dozentin an der Université Paris X Nanterre. Sie hat 2008 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.
Jean-Michel Hauteville
Jean-Michel Hauteville
Jean-Michel Hauteville ist Business Journalist für Handelsblatt Global Edition. Er hat 2016 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.
Marc Foglia
Marc Foglia
Marc Foglia ist Philosophielehrer und Übersetzer. Er hat 2008 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.
Selma Polovina
Selma Polovina
Selma Polovina arbeitet als Aicraft Manager bei Airbus. Sie hat 2015 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.
Xavier de Glowczewski
Xavier de Glowczewski
Xavier de Glowczewski ist Dozent an Sciences Po Lille und Gymnasiallehrer für Geschichte und Geographie im deutsch-französischen Zug am Lycée Faidherbe, Lille. Er hat 2007 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.

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