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Paris, Nuit debout Foto: Olivier Ortelpa, 16.04.2016, CC BY 2.0/Quelle: flickr

Vor einem Jahr, am 31. März 2016, gingen viele Teilnehmer einer Demonstration gegen das Loi Travail, eine Reform des Arbeitsrechts, nicht nach Hause. Sie besetzten stattdessen die Pariser Place de la République – Abend für Abend bis weit in den Sommer hinein. Die neue Zeitrechnung rund um den #32mars wurde ein Markenzeichen der Bewegung Nuit debout (Aufrecht durch die Nacht), die aus dem Protest gegen das Arbeitsgesetz entstand und sich zu einem Experimentierfeld der Demokratie entwickelte. Zu ihrem Jahrestag soll die Bewegung, die zu ihrem Höhepunkt mehrere tausend Menschen umfasste, nun wieder aufleben. Das meteorologische ebenso wie das politische Klima dafür scheinen günstig: Drei Wochen vor dem ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen ist Frankreich politisiert; Themen, die letztes Jahr auf der Place de la République diskutiert wurden, wie Moral in der Politik, Korruption und die Zukunft der Demokratie, sind durch die juristischen Skandale der Kandidaten nun mitten im Wahlkampf angekommen.

Demokratie in Zeiten des Notstands

Nuit debout entstand im Kontext der Enttäuschung vieler Wähler mit der sozialistischen Regierung. Diese drückte nicht nur ein von ihnen als neoliberal kritisiertes Arbeitsgesetz durch das Parlament, sondern verlängerte auch den nach den Attentaten verkündeten Notstand immer wieder. Kapitalismuskritik und die Forderungen nach neuen Formen der Demokratie waren schließlich auch der gemeinsame Nenner der Teilnehmer von Nuit debout. Auch Naabat, der sich als „apolitischer Anarchist“ vorstellt, war von Beginn an Teil der Bewegung:

Das besondere bei Nuit debout ist, dass auf einmal fünf oder auch hundert Personen ohne Moderator miteinander debattieren und dabei ihre jeweilige Ideologie beiseitelassen konnten.

Naabat, Teilnehmer von Nuit debout

Über die Wahlen hinaus denken: Nuit debout als Teil einer globalen Bewegung

Auch ein Jahr nach ihrem Entstehen sind es immer noch die Heterogenität, die Abwesenheit fester Strukturen und Hierarchien, die Priorität von Diskussion über Entscheidungen, die charakteristisch für die Bewegung sind. Diejenigen, die sich von Nuit debout die Entstehung einer politischen Bewegung oder gar einer Partei erhofft haben, dürften die Entwicklung der Bewegung als gescheitert sehen. Anders als bei den spanischen Indignados, aus denen die Partei Podemos entstand, die ins Parlament einzog, hält sich Nuit debout bis heute eher fern von der Tagespolitik. In den Sprachrohren der Bewegung auf den sozialen Netzwerken oder bei der „Gazette debout“ findet sich keinerlei Unterstützung für einen der elf Kandidaten. Die größten Berührungspunkte sehen einige Teilnehmer mit Jean-Luc Mélenchon, der ähnlich wie sie Reformen der Institutionen, Umverteilung und eine radikalere Umweltpolitik fordert. François Ruffin, Journalist und Filmemacher, der die Bewegung im vergangenen Jahr durch seinen Film „Merci Patron“, mitangestoßen hat, ist einer der wenigen, der sich als unabhängiger Kandidat für die linke Liste für die Parlamentswahlen im Juni aufstellen ließ.

Adèle koordiniert seit letztem Frühling die Kommission „Education populaire“ (Bildung von unten). Rund die Hälfte der Aktivisten möchte sich bewusst aus dem Wahlkampf heraushalten, schätzt sie. Auch für die Psychologie-Doktorandin geht Nuit debout über den Wahlkalender hinaus:

Die Wahlen sind nicht der Schlüssel für Nuit debout. Uns geht es darum, uns mit anderen Bewegungen in anderen Ländern zu vernetzen, denn die Probleme mit Korruption, Missbrauch durch die Justiz, Polizeigewalt und Ungerechtigkeit berühren alle. Wir wollen einen printemps des peuples, einen Frühling der Völker.

Adèle, Teilnehmerin von Nuit debout

Hochpolitisch und politikverdrossen

Neue Formen der Demokratie, weil die derzeitige Form politischer Repräsentation nicht funktioniert: Diesen Eindruck teilen die meisten Mitstreiter der Bewegung. Eine politische Beteiligung innerhalb dieses Systems lehnen viele deshalb ab. Am vergangenen Samstag stellte sich die „Partei der Nichtwähler“ auf der Place de la République vor. Andere Aktivisten haben für den Wahltag einen Aktionstag unter dem Motto „Jour debout“ (Aufrecht durch den Tag) mit verschiedenen Veranstaltungen für alle Nichtwähler angekündigt.  Hochpolitisch, aber sich bei der Wahl enthalten: Darin kristallisiert sich die Repräsentationskrise, in der neben Frankreich auch andere fortgeschrittene Demokratien stecken.

Die Ideen wirken weiter

Und dennoch sind Nuit debout und die zahlreichen Initiativen, die unter dem Dach der Bewegung entstanden sind, eng mit dem politischen Diskurs rund um den Wahlkampf verknüpft: Da wären zum Beispiel die außerhalb der Parteien organisierten Primaires Citoyennes, aus denen die Kandidatin Charlotte Marchandise hervorging (sie scheiterte letztlich an den nötigen 500 Unterschriften). Das bedingungslose Grundeinkommen, nun Benoît Hamons Leuchtturmprojekt, war zentraler Bestandteil der Debatten von Nuit debout. Die im Februar nach den Enthüllungen zu François Fillon organisierten Demonstrationen gegen Korruption entstanden mithilfe des etablierten Netzwerks. Das Projekt Miroir2017 stellt den Vorschlägen der Kandidaten die bereits existierenden Lösungen von entsprechenden Bürgerinitiativen entgegen. Wenngleich Nuit debout ein Jahr nach ihrem Entstehen weniger sichtbar geworden ist, so wirkt sie dennoch weiter und entzieht sich weiterhin allen Versuchen, sie in ihrer Struktur oder Finalität festzulegen.

Wählen will Adèle übrigens, auch, wenn sie noch nicht weiß, wen. Für Naabat ist klar, dass er seine Stimme am 23. April nicht abgeben wird. Und wie es mit Nuit debout weitergehen wird? „Wir wissen es nicht. Aber genau darin liegt die Schönheit der ganzen Sache.“

Julie Hamann
Julie Hamann
Julie Hamann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Programms Frankreich/deutsch-französische Beziehungen der DGAP und koordiniert den Deutsch-französischen Zukunftsdialog.

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