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Wie Marine Le Pen und der Front National kommunizieren

Man könnte meinen, die Art und Weise wie Rechtspopulisten Zuspruch erhalten und Wahlen gewinnen sei mittlerweile dechiffriert. Ausführlich wurde Trumps Weg per Tweet und Fake news zur Macht analysiert. Auch nicht zu vergessen die mangelnde Aussagekraft von Umfragen im Fall des Brexitvotums. Oder der Agitations-Zynismus von internen AfD-Strategiepapieren zur „gezielten Provokation“. Und im Fall des französischen Front National? Auf den ersten Blick treffen hier viele Diagnosen zu. Und doch beschreiben auch sie eher ein dramatisches Phänomen als dass sie es erklären können. Ein Zeichen für den Erfolg des Kommunikationsrezepts des FN und seiner Spitzenkandidatin?

Abfall verwerten, um ein Trendprodukt zu schaffen: Die 48-jährige gelernte Anwältin Marine Le Pen, die 2011 die Führung der rechtsextremen Partei von ihrem Vater Jean-Marie übernommen hat, kann Ideen erfolgreich recyceln. Mit spektakulären Absagen an das rassistische und antisemitische Dauerprogramm ihres Vaters und Kampfansagen an Globalisierung und Eliten scheint der Image-Wechsel gelungen. Doch Begriffe haben sich gewandelt, ohne alte Prinzipien dahinter zu begraben. Die neue Storyline zum Mitschreiben: Der FN ist Anti-, nicht-komplex und deshalb sexy. Anti-Rechts-Links-Denken, Anti-EU, Anti-Paris. Diese Haltung wird als Alleinstellungsmerkmal idealisiert und durch „Wir vs. die“-Polarisierungen zu ihrem Zielpunkt geführt: Marine Le Pen sei die einzige Alternative in Frankreich gegenüber „dem System“, und Bedrohungen kämen grundsätzlich „von außen“. Und fragt jemand hartnäckig zu Inhalt, Umsetzung und Ergebnis von FN-Politikwünschen, schweigt Marine gerne. Oder sie gibt ihren Freunden ein „Like“, hetzt mit ihnen gegen zahlreiche Gegner … oder wechselt den Kanal.

Meeting 1er mai 2012 Front National; Foto: Blandine Le Cain/CC BY 2.0/Quelle: flickr

„Direkt bei den Menschen“ – direkt bei der Angst

Sicherheit, Arbeit, Familie, Gesundheit. Der Front National bevorzugt Themenfelder, die Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld bewegen. Und zwischen den turbulenten Präsidentschaften von Nicolas Sarkozy und François Hollande ist die Massenarbeitslosigkeit, insbesondere bei jungen Menschen, kontinuierlich gestiegen. Zukunftsoptimismus, gerade in strukturschwachen Regionen, macht sich rar. Die Schreckensbilder des dschihadistischen Terrors, der Frankreich seit 2014 mehrfach getroffen hat, wecken schließlich das, was zur Goldgrube für Le Pens Kommunikation wird: Wut, Sorgen, Enttäuschungen, Verzweiflung; kurz, Negativ-Emotionen. Marines Heilmittel: Nationalistische Positiv-Gefühle erzeugen, auf Kosten anderer. Oder kurz mit einem ihrer Tweets: „Etre français, c’est un honneur, une sécurité, un atout. Est français celui qui fait passer la France avant tout!“ („Franzose sein, das bedeutet eine Ehre, Sicherheit und einen Vorteil. Franzose ist derjenige, der Frankreich allem voranstellt!“; von einer Wahlkampfveranstaltung am 13. März 2017).

Ich und meine Freunde

Nicht ohne Grund wird Marine Le Pen als die Kandidatin in Frankreich gefeiert oder gefürchtet, die über eine Million Follower bei Twitter oder Facebook hat. Ein Großteil der FN-Wähler ist zwischen 18 und 24 Jahre alt und wird online abgeholt. In den sozialen Medien spricht „MLP“ direkt zu jedem Einzelnen, vorzugsweise per Facebook live. Sie bläst dabei zum Angriff auf den Filter der „Systemmedien“ … welche sie aber zugleich aktiv bespielt. Wie sollte sie sonst ihre älteren Sympathisanten erreichen? Marine Le Pen nimmt ihre Rolle als Polarisierende von rechts-außen selbstbewusst ein, wenn ihr eine Radiosendung oder Talkrunde im Fernsehen die Bühne dafür bietet. Hier wie auf Twitter findet dann die Inszenierung von Alternativlosigkeit statt, in Abgrenzung zu anderen Kandidaten. Bleibt einer von ihnen trotz Ermittlungen wegen Korruption im Rennen, lebt der Mythos vom „korrupten System“ vs. „sauberen Außenseitern“ von selbst, auch wenn gegen Le Pen ebenfalls mehrere Verfahren vor Gericht laufen. Stoßen ihre demokratiefeindlichen Thesen auf beharrliche Kritik von anderen Parteienvertretern, Journalisten oder Experten, reagiert die FN-Chefin gerne mit Schweigen. Diese Strategien der Geringschätzung und des Über-den-Dingen-stehen kommt bei ihren Sympathisanten – der selbsternannten „schweigenden Masse“ – gut an und lassen Kontrahenten unschlüssig zurück. Umso lauter reagieren nationale, europäische und internationale Unterstützungsstrukturen ihrer Partei. Medien, wie etwa das russische Nachrichtenportal Sputnik, der AfD-nahe Blog „Die freie Welt“ oder das mittlerweile wohlbekannte US-Nachrichtenportal Breitbart, fungieren dafür als Resonanzkörper. Hier erscheint die FN-Kandidatin meist spektakulär als Opfer von Ungerechtigkeit und Intrigen. Das Ergebnis: unübersichtliche Nachrichtenlage, konstante Sichtbarkeit Le Pens und schleichende Normalisierung von Attacken auf Grundwerte einer offenen Gesellschaft.

Zur Rede stellen

Ähnlich wie andere rechtspopulistische Bewegungen ist der FN lernfähig und verfügt über professionelle Kommunikationsstrategien. Diese sind unberechenbar, weil sie im Ton variieren und eine Vielzahl von Kanälen bespielen. Zugleich sind sie sehr wohl berechenbar: Inhaltliche Kritik wird stets defensiv mit Schweigen, Ausweichen oder Beleidigung quittiert. Nachfragen lohnt sich also, zum Schutz von demokratischer und vielfältiger Debattenkultur.

 

Martin Schiller
Martin Schiller
Martin Schiller promoviert am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der FU Berlin. Er war 2016 Teilnehmer des Deutsch-französischen Zukunftsdialogs.

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