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Wer sind wir – und wenn ja wie viele?

Einblicke in Marine Le Pens populistische Trickkiste

Wer Franzose ist und wer eben nicht, wer es werden kann und was Französischsein überhaupt bedeutet, ist in Frankreich keine neue Debatte. Thesen, Fakten, Forderungen und Provokationen finden sich in den Wahlprogrammen vieler Kandidaten für das Präsidentenamt wieder.

Der Front National hat die Debatte über die französische Staatsbürgerschaft jedoch – das war zu erwarten – ganz oben auf seine Prioritätenliste gesetzt und treibt das Thema bewusst ins Extreme. Keine andere Partei bindet die Debatte über das „Wir“ (Franzosen) so verbissen an die Migrations- und Integrationsdebatte und somit unweigerlich an das „Ihr (, die Ihr nicht dazugehört)“. Auf ihrer vierten conférence présidentielle hat Marine Le Pen nun wieder in ihre populistische Trickkiste gegriffen, um die FN-Definitionen rund um die citoyenneté zum Besten zu geben.

Mehr als ein Ausweis

Marine Le Pen, Paris, 14. März 2017

Die Franzosen stecken in einer tiefen Identitätskrise, davon ist zumindest Marine Le Pen überzeugt. Diese Krise habe dazu geführt, dass die Franzosen heute ihre nationale Zugehörigkeit verleugnen, ein Hochverrat an den großen Helden der französischen Geschichte. Früher wurde noch gestorben, aus Nationalstolz und für das Volk, heute  sähen viele Franzosen ihre Staatsbürgerschaft nur noch als eine  Angabe auf dem Reisepass oder auf dem Lebenslauf. Eine Rückbesinnung auf eben diesen Nationalstolz seien die Franzosen ihren Vorfahren jedoch schuldig – so fordert es der Front National ein.

In Marine Le Pens Argumentationslinie ergeben sich häufig unerwartete Wendungen, die den Leser oder Zuhörer aufhorchen lassen. Das passiert zum Beispiel dann, wenn sie  in einem vermeintlich feministischen Diskurs davon spricht, wie neidisch die Frauen in der ganzen Welt auf die Freiheiten der französischen Frauen seien. Doch schon im nächsten Atemzug wird aus dem Kampf für die Rechte der Frauen ein frontaler Angriff auf die muslimische Bevölkerung. Diese wolle „in Frankreich die Scharia einführen“ und habe „dies zum Teil auch schon getan“. Nationalstolz sind die Franzosen demgemäß nicht nur ihren großen historischen Helden schuldig, sondern interessanterweise  auch den Nicht-Franzosen, die vom afrikanischen Kontinent aus mit Sehnsucht auf die französischen Werte schauen würden. Das heißt natürlich trotzdem nicht, dass sie im Frankreich, wie es der FN sieht, willkommen sind.

Die Multikulti-Lüge des Systems

Marine Le Pen, Paris, 14. März 2017

Die Franzosen haben kein Vertrauen mehr in sich selbst und schuld sind, wen wundert es, die Politiker „des Systems“, die  Europäische Union und die Globalisierung. Die Franzosen, davon ist Marine Le Pen überzeugt, schenken den Politikern im Bereich der Migrations- und Integrationsdebatte kein Vertrauen mehr, denn diese hätten über Jahrzehnte eine Multikulti-Lüge vorangetrieben und kritischen Franzosen den Mund verboten. Schlimmer noch, genau diese Politiker hätten Frankreich an die EU verkauft, die wiederum hemmungslos Grenzen geöffnet und somit sämtliche nationale Werte zerstört habe. Dies heißt im Umkehrschluss natürlich auch, dass ein Franzose erst wieder Franzose sein kann, wenn Frankreich sich von der EU losgesagt und seine nationale Souveränität zurückerlangt haben wird.

Der Bürgerkrieg steht nicht mehr vor der Tür, er ist bereits da

Marine Le Pen, Paris, 14. März 2017

Das wichtigste Werkzeug aus der populistischen Trickkiste ist Angst. Und dieses Werkzeug benutzt die Vorsitzende des Front National gerne. Glaubt man Marine Le Pen, befindet sich Frankreich bereits seit mehreren Jahren in einem Bürgerkrieg, bei dem die Franzosen zu Geiseln einer lauten und unangepassten Minderheit geworden sind. Erneut zieht die Kandidatin die Feminismuskarte und bemitleidet die Frauen, die in ihren Vierteln mitten in Frankreich  bereits unter den Schariagesetzen  leben und leiden würden. Und natürlich – das Beispiel ist einfach zu schön – zieht die die diversen Fußballspiele,  bei denen die Marseillaise von den „Unangepassten“ ausgepfiffen wurde, als Paradebeispiel dafür heran, dass der „Identitätskrieg“ bereits am Toben sei. Was kann nun jedoch getan werden?

Bürger entscheiden, wer Bürger sein darf

Marine Le Pen, Paris, 14. März 2017

Frankreich habe nicht für die abenteuerliche Außenpolitik der USA zu zahlen, will heißen, natürlich täten auch dem Front National die vielen Kriegsflüchtlinge schon sehr leid. Aber Frankreich stehe absolut nicht in der Pflicht, sie aufzunehmen. Wer reinkomme, wer bleiben dürfe und wer dann auch Franzose werden könne, sollten wieder die Bürger entscheiden dürfen. Wenn es nach Marine Le Pen geht, würden diese Bürgerentscheide zu einem Ende des Familiennachzugs  führen – nach Front-National-Definition eine bloße Einwanderung in das französische Sozialsystem. Und auch dem Ius Soli würde ein für alle Mal der Garaus gemacht.

Wer sind die Franzosen also, und wie viele? Geht man nach dem Front National, ist Franzose der, der Frankreich und seinen eigenen Nationalstolz über seine Herkunft, seine Religion, seine soziale Zugehörigkeit und seine politischen  Überzeugungen stellt. Wie viele werden das sein?

Es bleiben die Wahlen abzuwarten. Abschließend sei jedoch gesagt: Der Bürgerkrieg steht aktuell noch vor der Tür, es bleibt zu hoffen, dass Marine Le Pen ihn am 7. Mai nicht auch ausrufen darf.

Nele Wissmann
Nele Wissmann
Nele Katharina Wissmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Auslandsbüro Frankreich der Konrad-Adenauer-Stiftung, Paris. Bis 2016 betreute sie den Deutsch-Französischen Zukunftsdialog beim Ifri.

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