Ich war bei Marine Le Pen. Ein völlig subjektiver Bericht
8. März 2017
Bildungspolitik – Dauerthema jedes französischen Präsidentschaftswahlkampfs
10. März 2017

Der tunesische Blick auf den französischen Wahlkampf

Die Angst vor islamophober Stimmungsmache

In Tunesien verfolgt man den französischen Wahlkampf aktiv. In vielerlei Hinsicht ist Frankreich nach wie vor das Referenzland für den kleinen Maghreb-Staat. Frankreich beherbergt die mit Abstand größte tunesische Diaspora weltweit: Von den ca. 1,3 Millionen Auslandstunesiern leben über die Hälfte dort. Viele tunesische Familien haben also Angehörige, die in Frankreich leben. Insofern betreffen sie die dortigen politischen Entwicklungen unmittelbar.

Die in Frankreich zunehmenden Ängste vor dem Islam, die insbesondere von rechten Parteien geschürt werden, beobachten viele Tunesier mit einer Mischung aus Angst und Sorge. In Tunesien ist es generell sehr wichtig, dass die eigenen Landsleute ein positives Bild im Ausland abgeben. Entsprechend schockiert waren viele Tunesier nach den Anschlägen von Nizza und Berlin 2016, die beide durch tunesische Staatsbürger begangen wurden. Oft kam es vor, dass sich Tunesier persönlich für die Taten entschuldigten – obwohl sie selbstverständlich nichts dafür können! Den Attentätern sprach man in der tunesischen öffentlichen Debatte zugleich sowohl ihre Zugehörigkeit zum Islam als auch ihre tunesische Staatsbürgerschaft ab – gleichwohl beides qua Verfassung in Tunesien gar nicht möglich ist.

Äußerungen französischer Politiker werden sehr genau registriert

Marine Le Pen vom Front National (FN) wird in Tunesien mit dem größten Argwohn betrachtet.  Wie andere rechtspopulistische Parteiführer in Europa auch, lässt sie bekanntlich keine Gelegenheit aus, gegen Moslems zu wettern und die muslimische Gemeinschaft kollektiv für die terroristische Bedrohung in Frankreich und Europa verantwortlich zu machen. Diese Sichtweise entspricht so gar nicht der eines aufgeklärten, Gewalt ablehnenden Islams, wie er mehrheitlich in Tunesien zu finden ist.

Doch auch die Äußerungen anderer Politiker – Kandidaten und ehemalige Kandidaten – vom bürgerlichen bis zum sozialistischen Lager stehen mitunter in der Kritik der tunesischen Medien und der Öffentlichkeit. Allen voran Nicolas Sarkozy, der im Vorwahlkampf regelmäßig gegen den Islam wetterte und über die Begrenzung der Zuwanderung aus muslimischen Ländern schwadronierte. Das wurde im Auswanderungsland Tunesien selbstverständlich sehr negativ aufgefasst und nicht minder besorgt diskutiert als die Äußerungen von Le Pen. Nun ging Sarkozys Taktik, dem FN am rechten Rand Wählerstimmen streitig zu machen, bekanntlich nicht auf – er scheiterte an François Fillon. Dieser äußerte sich in den Medien zunächst etwas gemäßigter. So warnte er zwar vor der Gefahr des islamistischen Terrorismus in Frankreich, den man entschieden bekämpfen müsse. Er verwehrte sich jedoch gleichzeitig gegen Forderungen, die Burka oder das Kopftuch (wie auch andere religiöse Symbole) in Frankreich komplett aus der Öffentlichkeit zu verbannen, wie es manche Kritiker zum Beispiel nach dem Attentat von Nizza mit Bezug auf die laizistischen Grundpfeiler der Republik verlangt hatten. Fillons Äußerungen sind somit für die Tunesier sehr viel besser verdaulich als die seines ehemaligen innerparteilichen Kontrahenten Sarkozy.

Unter den Sozialisten fiel insbesondere der ehemalige Premierminister Manuel Valls in der tunesischen öffentlichen Debatte auf – allerdings mit eher unglücklichen Auftritten und Äußerungen. So verballhornte er bei einem Besuch in Tunis anlässlich der Investorenkonferenz Tunisia 2020 im November 2016 den Namen des tunesischen Präsidenten Essebsi in so einer Art und Weise, dass auch das arabische Wort für ‚Penis‘ verstanden werden konnte. Das Gelächter war entsprechend groß. Auch Vorwürfe, es mangele Valls an Respekt, wurden laut. Kurz darauf behauptete Valls in einem Radiointerview sinngemäß, dass Frauen in Tunesien zum Tragen des Kopftuches gezwungen würden – was für viele Tunesierinnen einen Affront darstellt. Denn zwar ist der Anteil an Kopftuchträgerinnen in Tunesien in den letzten Jahren etwas gestiegen. Jedoch tragen insbesondere in den Städten die Mehrzahl der tunesischen Frauen eben keines und werden auch nicht von ihren Männern oder Familien dazu genötigt. Somit gehört Manuel Valls inzwischen auch zu den Politikern, deren Ausscheiden bei den Vorwahlen die Mehrheit der Tunesier eher nicht bedauert.

Welche Zukunft für die tunesisch-französischen Beziehungen?

Vermutlich könnten die Tunesier mit so ziemlich jedem Kandidaten gut leben, solange er Wohlwollen in Bezug auf die tunesisch-französischen Beziehungen zeigt.

Unter dem derzeitigen Präsidenten François Hollande hat Frankreich einige für Tunesien wichtige Entscheidungen getroffen. So sagte die französische Regierung auf der Investorenkonferenz Tunisia 2020 im November 2016 Investitionen in Höhe von 1,2 Milliarden Euro in den nächsten Jahren zu – eine der größten bilateralen Zusagen überhaupt. Zudem plan der Elysée eine Sicherheitskooperation mit Tunesien, der auch Deutschland angehören soll. Und nicht zuletzt hat Frankreich Tunesien seine Unterstützung bei einer Imagekampagne versprochen, die das durch Terroranschläge ramponierte Image des nordafrikanischen Landes international verbessern soll.

Für Tunesien sind diese Zusagen elementar, denn in Zeiten mangelnder Investitionen und ausbleibender Touristen hängt das Land am Tropf ausländischer Hilfe. Mit Ausnahme von Marine Le Pen vom FN ist bei allen Kandidaten von weitgehender Kontinuität in den auswärtigen Beziehungen Frankreichs zum Maghreb auszugehen. Und dass sie es in das höchste Amt Frankreichs schafft, daran mögen die Tunesier lieber nicht glauben. Wir in Europa ja auch nicht!

 

Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder.

 

 

 

Jerome Kuchejda
Jerome Kuchejda
Jerome Kuchejda arbeitet als Berater für lokale Demokratie für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH in Tunis, Tunesien. Im Jahr 2014 war er Teilnehmer des Deutsch-französischen Zukunftsdialogs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.