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Ich war bei Marine Le Pen. Ein völlig subjektiver Bericht

Wahlplakat in Meudon, Foto: Barbara Kunz, 2017

Marine Le Pen versucht seit geraumer Zeit, sich als „präsidentiabel“ darzustellen. Teil dieser Strategie ist eine Reihe von „Präsidentschaftskonferenzen“ („conférences présidentielles“) zu verschiedenen Themen. Diese richten sich offenbar eher an ein Fachpublikum denn an Wähler: Außenpolitik, Wirtschaftspolitik, … Mit dem Front National hatte ich noch nie etwas am Hut. Umso überraschter war ich, als ich „persönliche Einladungen“ zu diesen Konferenzen in meiner Mailbox vorfand. Die erste Erkenntnis also lautet: Offenbar hat sich beim FN jemand die Mühe gemacht, gezielt die Adressen relevanter Zuhörer herauszusuchen. Somit stellte sich die Frage: Kann man da hingehen? Unterstützt man damit am Ende etwas, was man absolut nicht unterstützen möchte? Oder ist es Bürgerpflicht, sich das drohende Unheil ganz genau und aus nächster Nähe anzusehen? Ich entscheide mich für Letzteres und bin froh, damit nicht alleine zu sein.

Die Anmeldungsmail, verschwunden – und andere interessante Einblicke

Der Ort des Geschehens ist pariserisch pompös. Feinste Gegend, feinste Kronleuchter, goldene Stühle und dunkelroter Samt. Doch die ernüchternden Erlebnisse beginnen bereits am Einlass: Zwar habe ich, genauso wie meine Begleiter, ganz ordnungs- und fristgemäß eine Mail zur Anmeldung an die angegebene Adresse geschickt. Auf den Teilnehmerlisten taucht trotzdem keiner von uns auf. Die Herrin der Listen ist gerade noch freundlich. Zugute halten kann man ihr, dass sie vermutlich in der Vorwoche massiv Ärger bekommen hat. Da muss ihr die Femen-Aktivistin, die sich kurz darauf unter den Kronleuchtern entblößt hat, durchgerutscht sein. Entsprechend misstrauisch ist sie: „Sind Sie sich sicher, dass Sie sich nicht ausziehen wollen?“, möchte sie von mir wissen. Es eilt ein junger Herr herbei, der Anzug sitzt gut, das Lächeln ist professionell, aber herzlich ist hier gar nichts. Wie der Zufall so will, ist jede einzelne unserer Anmeldungsmails in den Tiefen des Internets verschwunden, „vielleicht im Spamordner, den habe ich nicht überprüft“. Es folgt eine Diskussion, die schließlich doch noch das gewünschte Ergebnis bringt: Wir dürfen rein. Die Herrin der Listen knurrt uns hinterher, dass wir uns nicht ausziehen sollen. Als wir den Saal betreten, spricht Marine Le Pen bereits.

Der Raum ist fast voll besetzt, hinten ist kein Platz mehr. Die reservierten Plätze für wichtige Leute in den vorderen Reihen aber sind teilweise freigeblieben. Dorthin schickt uns nun einer der vielen finster aussehenden Sicherheitsleute, die hierzulande durchaus ihren Ruf weg haben. So sehr nach zwielichtigen Gestalten wie hier sehen sie selten aus. Und auch ihre Anzahl überrascht mich. Der hintere Teil des Raumes ist voller Fernsehkameras. Das Publikum besteht aus Anzugträgern, auch das eine oder andere Tweed-Jackett ist zu sehen. Männer scheinen deutlich in der Überzahl zu sein.

Mal wieder: Frankreich first

Thema des Abends ist also „Die Rolle des Staates in der Wirtschaft“. Die Rede zusammenzufassen will mir nicht gelingen. Zu viel Durcheinander, zu viele krude Gedankengänge, zu viele unvollendete Argumentationslinien. Marine Le Pen nennt Zahlen, doch ihren Vergleichen fehlt das Gegenüber. Die Lage sei schlimm, und schuld seien die anderen: die Globalisierung, Deutschland, der Euro (an dem auch Deutschland schuld ist), das Establishment. Der Ausweg: Frankeich first. Und der Staat. Ab und zu gibt es zustimmendes Gemurmel, wenn auch sehr dezent. Da ich nicht folgen kann, konzentriere ich mich auf die Metaebene. Marine Le Pen ist geschmackvoll gekleidet, ein eleganter Hosenanzug mit weißer Schluppenbluse. Habe ich sie überhaupt schon einmal im Rock gesehen? Le Pen wirkt souverän und gleichzeitig merkwürdig gebremst. Eine Volkstribunin ist da gerade nicht am Werk. Sie spricht nicht frei, ab und an verhaspelt sie sich, wofür sie sich jedes Mal entschuldigt. Mitunter streicht sie sich Haare aus dem Gesicht, die gar nicht da sind. Rhetorisch ist die Rede gut, doch abgelesen kann sie keinen Elan entfalten. Sprachlich ist der Auftritt gepflegt und klar. Marine Le Pen verzichtet auf die üblichen Spielchen französischer Politiker: keine Literaturzitate und Anspielungen, die nur Bildungsbürger verstehen, keine komplexen grammatischen Gebilde, die von ihren Nutzern durchaus als Überlegenheitsdemonstrationen gedacht sind. Offensichtlich ist, dass sie ihre Stimme im Griff hat. Sie bringt ihre Konsonanten zum Klingen, wie man es in Stimmbildungskursen lernt, sie artikuliert perfekt und wechselt gekonnt zwischen laut und leise. Die Tiefe ihrer Stimme ist angenehm und man fragt sich unweigerlich: Hat sie sich die antrainiert, um das Manko auszugleichen, eine Frau zu sein? Hätte eine Frau im FN überhaupt eine Chance, wenn sie nicht „Tochter von“ ist? Interessant jedenfalls, dass ausgerechnet sie sich als Feministin inszeniert.

 Standing ovations – ohne jeden Enthusiasmus

Vive la République, vive la France!“ Die Rede ist zu Ende. Um uns herum springen die Leute auf. Standing ovations. Wir bleiben sitzen, mich beschleicht ein leicht mulmiges Gefühl. Fühlt sich so 1933 an? Oder bin ich hysterisch? Niemand bedroht mich, niemand würdigt mich überhaupt eines Blickes. Ich drehe mich um, hinter uns sitzt noch jemand. Vermutlich ein Journalist. Während vor uns wild im Stehen geklatscht wird, tauschen meine Begleiter und ich erste Eindrücke aus – auf Deutsch. Niemand interessiert sich für uns. Auch meine Begleiter sind einigermaßen ratlos ob des Inhalts dieser Rede. Irgendwann ist der Beifall zu Ende, Marine Le Pen ist nach ein paar Selfies mit Fans verschwunden, ohne dass ich es mitbekommen hätte. Das Ganze nannte sich zwar „Konferenz“, doch eine Diskussion war nie vorgesehen. Marine Le Pen spricht, das Publikum klatscht, und fertig. Der Saal ist schon halb leer, als auch wir gehen. Immer noch interessiert sich niemand für uns, und doch möchte ich so gerne den anwesenden Journalisten sagen, dass ich „nur so“ da bin. Mit uns zum Ausgang strömen Herren in Anzügen, die teils sehr teuer aussehen, und Damen, die zumindest der Optik nach zur besseren Gesellschaft gehören. Schlabberlook trägt niemand. Interessanterweise gibt es auch durchaus Leute, die aussehen, als hätten sie keine gallischen Vorfahren …

Es war keine Sportpalastrede. Vielmehr war es eine Art Wutanfall vom Blatt – was eher am Inhalt denn am Ton deutlich wurde. Dies war keine Wahlkampfveranstaltung, schon vom Anspruch her nicht. Leute mitzureißen war nicht Sinn der Übung, auch wenn mir nicht ganz klar ist, was genau man eigentlich bezwecken wollte. Mir scheint, die Standing ovations standen in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt; bejubelt wurde die Person, nicht das (sowieso schwer zu fassende) Programm. Umso schwerer ist es, die Stimmung in Worte zu fassen. Sie ist aufgeräumt, ohne Aggression oder Verbissenheit, aber auch ohne jede Freude, Zuversicht oder Schwung. Vor allem aber ist sie völlig farblos und frei von Lust auf Politik. Was genau der FN jetzt eigentlich will, weiß ich auch nach dieser „Fachkonferenz“ nicht. Ich weiß nur: Es ist mir noch genauso unheimlich.

 

Barbara Kunz
Barbara Kunz
Dr. Barbara Kunz ist seit April 2015 Wissenschaftlerin im Comité d'études des relations franco-allemandes (CERFA), Ifri, Paris, und hat 2008 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.

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