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Sens Commun und François Fillon

People wave flags and hold signs with messages as demonstrators take part in the "La Manif Pour Tous" (Demonstration For All) to protest against PMA (Procreation Medicalement Assistee or Medically Assisted Reproduction) and GPA (Grossesse pour Autrui or Gestation for Others) during a march in Paris, France, October 16, 2016. REUTERS/Benoit Tessier - RTX2P1VX

Interview mit dem Soziologen Claude Dargent

François Fillon hat in den letzten Tagen viele seiner Unterstützer verloren. Treu sind ihm die Anhänger von Sens Commun geblieben. Diese politische Bewegung ist im Zuge der Demonstrationen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe entstanden. Ihre Anhänger bekennen sich zu traditionellen katholischen Werten. Bei der Kundgebung am 5. März 2017 in Paris spielte sie eine zentrale Rolle. Was steckt hinter der „katholischen Wahl“? Claire Demesmay sprach Mitte Januar mit Claude Dargent, Professor und Leiter des Fachbereiches Soziologie der Universität Paris 8 sowie Associate Fellow beim CEVIPOF in Paris.

Gibt es in Frankreich traditionell eine „katholische Wahl“? Und wenn ja, wodurch zeichnet sich diese aus?

Ich weiß nicht, ob es „eine katholische Wahl“ gibt, aber es gibt in jedem Falle die katholischen Wähler und Wählerinnen. Und wir beobachten durchweg, dass diese deutlich weiter rechts wählen als der Durchschnitt der französischen Bürger und Bürgerinnen, und insbesondere als der Durchschnitt der Konfessionslosen. Bei regelmäßig praktizierenden Katholiken ist die Tendenz, politisch rechts zu wählen, sogar noch ausgeprägter.

Wenn Sie von einer Tendenz „rechts“ zu wählen sprechen, welche Rechte meinen Sie?

Es handelt sich hierbei um die klassische Rechte, also die Konservativen, die man vor dem Einzug des FN in die französische Nationalversammlung (Assemblée nationale) auch als „parlamentarische Rechte“ bezeichnete. Die französischen Katholiken wählen zwar überdurchschnittlich konservativ, fühlen sich jedoch nicht in besonderem Maße zum rechtsextremen Spektrum hingezogen. Im Gegenteil: Praktizierende Katholiken sind den rechtsextremen Parteien traditionell sogar weniger zugeneigt als ihre Mitbürger*innen.

Sie sprechen also von einer katholischen Wählerschaft. Engagieren sich die katholischen Verbände denn auch im Präsidentschaftswahlkampf oder in der französischen Politik im Allgemeinen?

Die Zeiten, in denen die katholische Kirche Wahlempfehlungen aussprach, sind vorbei. Und im Allgemeinen vermeiden es auch die katholischen Organisationen und Verbände in Frankreich, eine politische Orientierung vorzugeben, aber ihre Haltung ist oft zwischen den Zeilen zu lesen. Eine Reihe von katholischen Verbänden etwa stellt Forderungen, die eine größere Nähe zu den konservativen als zu den linken Präsidentschaftskandidaten erkennen lassen. In den letzten Jahren sind allerdings auch einige Ausnahmen aufgetaucht, insbesondere im Rahmen der Debatte um die gleichgeschlechtliche Ehe (französisch mariage pour tous, „Ehe für alle“, Anm. d. Red.).

Genau, als über den Gesetzentwurf zur gleichgeschlechtlichen Ehe beraten wurde, haben sich französische Katholiken dagegen eingesetzt, vor allem im Rahmen der Manif pour tous et de Sens commun* Was steckt hinter dieser Bewegung?

*[dt. etwa „Demo für alle und im Sinne der Vernunft“, Anm. d. Red.; eine der konservativen Partei Les Républicains (LR) nahestehende politische Bewegung, die im Zuge der Proteste gegen die gleichgeschlechtliche Ehe gegründet wurde und seit August 2016 die LR im Wahlkampf unterstützt]

Richtig, damals wurde eine ganze Reihe von politischen Bewegungen gegründet, von denen sich im Übrigen mehrere LR angeschlossen haben und die also eindeutig konservativ ausgerichtet sind. Tatsächlich handelt es sich hierbei jedoch um eine absolute Minderheit innerhalb der katholischen Verbände Frankreichs.

Die Reaktionen auf die gleichgeschlechtliche Ehe waren sehr heftig. Wie erklären Sie ein solches Ausmaß und eine derartige Radikalität der Proteste?

Wie stets bei solchen ausgedehnten Protesten beobachten wir einen Zusammenschluss äußerst unterschiedlicher Gruppierungen. Dazu gehörte eine fundamentalistische katholische Strömung, die sich jedoch etwas am Rande der katholischen Kirche Frankreichs bewegte und übrigens durchaus auch mit der Rechtsextremen liebäugelte. Darüber hinaus gab es aber auch eine ausdrückliche Unterstützung seitens der katholischen Kirche, von den katholischen Bischöfen, welche – aus Gründen, die sie selbst als anthropologisch bezeichneten – die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ablehnten. Hinzu gesellte sich noch eine konservative Öffentlichkeit, die nicht notwendigerweise oder auch überhaupt nicht katholisch ist, die sich jedoch in dieser Frage in Opposition zur französischen Regierung befand und hier eine Möglichkeit sah, ihrem Widerstand Ausdruck zu verleihen.

Im Wahlkampf betont der Präsidentschaftskandidat Fillon seinen Katholizismus, etwa wenn er über seinen Glauben spricht oder berichtet, er habe Mariä Himmelfahrt gefeiert. Es handelt sich hierbei um etwas, das im laizistischen Frankreich eher selten vorkommt. Spiegelt dieses Gebaren ein neues Phänomen wider?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist das durchaus etwas Neues. Man muss schon bis zum General de Gaulle zurückgehen, um bei einem Kandidaten der klassischen Rechten ein so offenes Bekenntnis zum eigenen Glauben zu finden. Der Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat, und hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland, ist in Frankreich sehr bedeutend. Wenn man für ein politisches Amt kandidiert, hält man sich zum Thema Religion eher zurück, was aber niemanden davon abhält, den Glauben seiner Wahl zu pflegen. François Fillon ist diesbezüglich weniger zurückhaltend als die anderen, was ihn von seinen konservativen Vorgängern unterscheidet. Das ist eine Neuerung, die zum Teil durch seine Person bedingt ist, die aber vielleicht auch mit den Fragen zusammenhängt, die die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen aufwerfen.

Wenn Sie von diesen „jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen“ sprechen, woran denken Sie dann?

Das ist komplex. Es gab zum einen die Frage der gleichgeschlechtlichen Ehe und das Aufkommen einer Reihe ethischer Fragestellungen. Dazu gehörten auch die Thematik der Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare, zu der François Fillon eindeutig Stellung bezog, oder aber die Frage der medizinisch unterstützten Fortpflanzung. François Fillon hat ebenfalls seine persönlichen Vorbehalte gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen zum Ausdruck gebracht, gleichzeitig jedoch gesagt, dass er das Abtreibungsgesetz nicht infrage stellen wolle. Zum anderen spürt man in Frankreich die Auswirkungen einer zunehmenden Islamisierung sowie jenes Terrorismus, der sich selbst als „islamisch“ bezeichnet, aber in keinem Zusammenhang mit der Religion als solcher steht. All diese Phänomene können dazu beigetragen haben, die Präsenz der Religion und des Katholizismus wiederzubeleben, zumindest für diese Präsidentschaftskandidatur.

Kann eine solche Rhetorik in einem laizistischen Land wie Frankreich denn zum Gewinn von Wählerstimmen beitragen, oder birgt sie nicht eher die Gefahr, einen Teil der Wähler abzuschrecken?

Fillon setzt darauf, dass er durch dieses Bekenntnis mehr zu gewinnen als zu verlieren hat. Wir befinden uns aktuell in einem seit den Religionskriegen völlig unbekannten sozialen Zusammenhang. Denn seit dieser Zeit war der Katholizismus in Frankreich die unangefochten vorherrschende Religion. Das ist nun nicht mehr der Fall, denn die Muslime bilden gegenwärtig eine durchaus bedeutende religiöse Minderheit. Dies kann im Gegenzug dazu beitragen, bei einem Teil der französischen Bevölkerung eine katholische Herkunft wiederzubeleben oder ein familiäres katholisches Erbe, das man ein wenig verkümmern lassen hat. Und Fillons Wette besteht nun darin, dass es ihm nützen wird, sich auf diese katholische Herkunft zu berufen, und dass sich die vielen konfessionslosen konservativen Wähler nicht übermäßig daran stören werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Claire Demesmay
Claire Demesmay
Dr. Claire Demesmay leitet das Programm Frankreich/deutsch-französische Beziehungen der DGAP.
Claude Dargent
Claude Dargent
Claude Dargent ist Professor und Leiter des Fachbereiches Soziologie der Universität Paris 8 sowie Associate Fellow beim CEVIPOF in Paris.

1 Kommentar

  1. Ulli sagt:

    Danke für dieses interessante Interview – zu einer Bewegung (’sens commun‘), die in Deutschland in ihrer Bedeutung und in ihren Aktivitäten bisher zu wenig wahrgenommen wird.

    Der Einfluss von ’sens commun‘ bei LR reicht m.E. weiter als dargestellt und vor allem über Fillon weit hinaus. So ist mit de Jessey eine der Gründerinnen von ’sens commun‘ Mitglied der Parteifühung ( https://www.2mecs.de/wp/2014/12/madeleine-de-jessey-vertreterin-homoehe-gegner-in-parteispitze-konservative/ ) – und ihr großer Förderer und Vertreter der „droite décomplexé“, Wauquiez, gar Vize-Präsident ( https://www.2mecs.de/wp/2015/12/laurent-wauquiez/ )

    Dies nur als kleine pers. Ergänzung

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