Eine eigene Art von Stapelware: Neue Politiker-Bücher in Frankreich
28. Februar 2017
François Fillon: Einsam an die Spitze
2. März 2017

Von Kühen und Märchenländern: Es ist wieder Salon de l’Agriculture

François Fillon en visite au Salon de l'Agriculture; Foto: Jean-Phi92, 28.2.2013, CC BY-NC-ND 2.0/Quelle: Flickr

Seit über fünfzig Jahren findet in Paris der Salon de l’Agriculture statt, und jedes Jahr gibt es auf dieser größten Landwirtschaftsmesse Frankreichs spannende Dinge zu bestaunen: die schönsten Kühe und Schweine, die neuesten Mähdrescher und Melkmaschinen und auch zu essen gibt es ausreichend. Schon lange ist die Veranstaltung, ähnlich der Berliner Grünen Woche, ein Publikumsmagnet; in den vergangenen Jahren zog sie jeweils weit über eine halbe Million Besucher an. Im Gegensatz zur Grünen Woche ist der Salon de l’Agriculture jedoch ein politisches und mediales Großereignis.

Ein Wirtschaftszweig in der Krise, „Agrarpatriotismus“ als Lösung?

Wo so viele Menschen sind, sind natürlich – insbesondere in einem Wahljahr – Politiker nicht weit. Die Landwirte sind durchaus ein Wählerreservoir, auch wenn ihre Anzahl stetig schrumpft: Über eine halbe Million Höfe wird von etwas über einer Million Menschen bewirtschaftet. Das mag zwar nur ein kleiner Anteil an der Bevölkerung sein, aber ein wichtiger, denn Frankreichs Bauern sind streitbar. Unvergessen ist José Bové, der durchaus schon einmal McDonald’s-Filialen verwüstete und dafür sorgte, dass Brüssel in faulen Tomaten versank (wo Bové heute im Europaparlament sitzt). Als Linker ist Bové indes die Ausnahme, traditionell sind die französischen  Landwirte fest im gaullistischen Lager verankert. Und im Gegensatz zu früheren Jahren, als Jean-Marie Le Pen auf dem Salon noch ausgebuht wurde, fühlen sich auch immer mehr Landwirte zum Front National hingezogen. Umfragen zufolge sind sich 35 Prozent von ihnen sicher, im ersten Wahlgang für Marine Le Pen zu stimmen.

In diesem Zusammenhang weiß sich Le Pen die Krise der Landwirtschaft zu Nutzen zu machen. Seit Jahren heißt es in Frankreich, dass es den Bauern schlecht ginge. Viele Betriebe geraten in finanzielle Schwierigkeiten. Zu niedrige Preise für ihre Erzeugnisse zwingen Landwirte zur Aufgabe, gleichzeitig findet eine „Industrialisierung“ des Sektors statt: Die Höfe werden weniger, dafür aber größer. Die „Farm der 1000 Kühe“ geistert als Schreckgespenst durch die Medien. Der Politik wird angesichts all dessen Versagen vorgeworfen. Der traditionell starke Rückhalt für die Gaullisten bröckelt. Diese Lücke füllt Marine Le Pen mit ihrem nationalistischen Diskurs. Sie wettert gegen Europa und seine gemeinsame Agrarpolitik und verspricht die Renationalisierung der Landwirtschaftsförderung. „Agrarpatriotismus“ lautet ihr Credo. Offenbar kommt dies bei den Landwirten gut an. Soweit geht kein anderer der Kandidaten, auch wenn fast allen Reformen vorschweben.

Jährliches politisches Großereignis

Doch es wäre zu einfach zu glauben, dass es beim Salon de l’Agriculture nur um Mähdrescher, Milchquoten und agrarpolitische Fachfragen ginge. Damit alleine wäre das Medienecho nicht zu erklären. Wenn der Salon jedes Jahr von neuem zum Schaulaufen für französische Politiker gerät, müssen die Gründe tiefer liegen. An dieser Messe kommt im Grunde keiner vorbei. Und angesichts all dessen, was dabei schiefgehen kann, sind die Anforderungen nicht zu unterschätzen. So mancher von ihnen wurde jahrelang von einem Fauxpas verfolgt, der ihm auf der Landwirtschaftsmesse unterlief. Die Kleidung muss zum Anlass passen, ohne nach Bauernkarikatur auszusehen. Der Politiker muss kompetent eine Ziege von einem Mufflon unterscheiden können. Auch die dargebotenen Spezialitäten, von denen nicht wenige alkoholischer  Natur sind, bergen im Lichte der Kameras so manche Gefahr. Und auf keinen Fall darf der Kandidat Berührungsängste zeigen, wenn er von Angesicht zu Angesicht vor einem riesigen Rindviech mit gefährlich geschwungenen Hörnern steht. Das ist der entscheidende Moment: Jetzt gilt es beherzt zuzugreifen und das Tier zwischen den Ohren zu kraulen. Fotos von Kühe streichelnden Präsidenten gehören quasi zum nationalen Kulturgut. Falls es dazu überhaupt Alternativen gibt, dann nur mit biblischen Anklängen. „Politiker mit Lamm auf dem Arm“ ist ebenfalls ein beliebtes Motiv.

French President Francois Hollande (L) visits the International Agricultural Show in Paris, France, February 25, 2017. The Paris Farm Show runs from February 25 to March 5, 2017. REUTERS/Michel Euler/Pool – RTS109BN

La France profonde: Wo die Welt noch in Ordnung ist

In Wahrheit geht es auf dem Salon de l’Agriculture um das ländliche Frankreich, in dem die Welt noch in Ordnung ist, die Kühe glücklich sind und die Globalisierung weit weg ist. Es ist la France profonde, das „tiefe Frankreich“, oder auch la France des terroirs, das „Frankreich der Scholle“. Jenes Märchenland aus (angeblich) vergangenen Tagen, dem sich viele Franzosen so verbunden fühlen. Und diese Verbindung kommt nicht von ungefähr, sie ist häufig ganz real: Statt im Hipstercafé in der „Landlust“ zu blättern, besucht man hierzulande oftmals einfach die Oma auf dem Dorf. Die Tatsache, dass gutes Essen, zubereitet aus qualitativ hochwertigen Lebensmitteln, in Frankreich einen hohen Stellenwert hat, tut ihr übriges. Landwirtschaft, Bauern und das ländliche Frankreich im Allgemeinen liegen den Franzosen am Herzen. Politiker müssen auf dem Salon de l’Agriculture beweisen, dass sie dieser „France profonde“ ebensolche Wertschätzung entgegen bringen, dass sie die Sorgen und Ängste der Menschen auf dem Land verstehen und ernstnehmen. Sie müssen beweisen, dass sie bodenständige Menschen sind, die mit Mistgabeln umgehen können. Kurzum: Sie müssen eine Illusion bedienen, nach der sich viele ihrer Wähler sehnen, egal aus welchem politischen Lager sie stammen.

Schaulaufen der Präsidentschaftsanwärter

Vor diesen Herausforderungen also stehen auch die Kandidaten für die diesjährige Präsidentschaftswahl, und bis auf einen stellen sie sich ihnen alle. Einzig Jean-Luc Mélenchon boykottiert die Messe, da sie seiner Auffassung nach für die „produktivistische Landwirtschaft“ steht, die er verurteilt. Abzuwarten bleibt, ob es schöne neue Bilder für das nationale Fotoalbum gibt. Als Champion der Disziplin „Kühe streicheln“ gilt zehn Jahre nach Ende seiner Amtszeit nach wie vor Jacques Chirac.

Barbara Kunz
Barbara Kunz
Dr. Barbara Kunz ist seit April 2015 Wissenschaftlerin im Comité d'études des relations franco-allemandes (CERFA), Ifri, Paris, und hat 2008 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.