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Foto: Ulrike Franke, London, 21.2.17

Er beginnt tatsächlich auf Englisch. In der Sprache William Shakespeares begrüßt Emmanuel Macron sein Publikum in London. Nach drei Sätzen wechselt er dann aber doch ins Französische. Denn auch wenn der Präsidentschaftskandidat der En Marche-Bewegung ein Publikum in der Central Hall Westminster, gleich neben der Westminster Abbey, adressiert: Dies ist eine Wahlkampfveranstaltung.

Foto: Ulrike Franke, London, 21.2.2017

Der Wahlkampfstopp in London hat Tradition; den Anfang machte Nicholas Sarkozy vor zehn Jahren. Auch François Hollande warb um die französischen Wähler der britischen Hauptstadt. Denn London ist die sechstgrößte Stadt Frankreichs – nur eben auf der britischen Insel. Brexit und die Möglichkeit eines Sieges der rechtsradikalen Marine Le Pen machen diese Wahl für die in England lebenden Franzosen jedoch besonders wichtig. So berichtet eine der Aktivistinnen denn auch, sie sei zwei Tage nach dem Brexit zu En Marche und Macron gekommen.

3500 potenzielle Macron-Wähler haben an diesem Dienstagabend den Weg nach Westminster gefunden. Das ist zwar nur etwa ein Prozent der in England lebenden 300.000 Franzosen, aber eine durchaus beeindruckende Zahl für einen Wahlkampfauftritt eines Kandidaten, der keiner der beiden großen Parteien angehört. Die Schlange der Wartenden wendet sich einmal um das Gebäude. Die meisten Besucher sind wohl direkt von der Arbeit gekommen – mit halb sechs hat die Veranstaltung einen für Londoner Verhältnisse recht frühen offiziellen Beginn – oder direkt von der Uni: Viele Besucher sind auffällig jung. Nicht so jung jedoch wie die zahlreichen Helferinnen und Helfer, die in überdimensionierten „Emmanuel Macron Président“-T-shirts, Ordnung in die Veranstaltung bringen. Das Mädchen, das mein Ticket überprüfte, sieht zumindest aus, als dürfte sie selbst noch nicht wählen. Auf den Sitzbänken der Central Westminster Hall liegen Schilder und Fahnen bereit – „Fraternité“, „Emmanuel Macron Président“, oder einfach „EM!“. Dazu französische und europäischen Flaggen. Letztere wurden während Macrons Rede besonders häufig geschwungen, häufiger gar als die Tricolore.

Im Zeichen der Freiheit

Macron weiß, was das Publikum in London hören will. Er macht Witze darüber, dass ihm in Frankreich vorgeworfen werde, „zu den bösen Bankern nach London“ zu fahren (er war selbst mal einer).  In der Finanzhauptstadt Europas bringt das Lacher – es ist davon auszugehen, dass viele im Publikum in der Finanzindustrie beschäftigt sind. Macron bedauert, dass Frankreich ein Land sei, in dem man nicht scheitern dürfe. Dass eine Kultur des Scheiterns ein wesentlicher Bestandteil der Start-up-Kultur ist, die Europa so fehlt, ist auch in Deutschland ein vieldiskutiertes Thema. Doch nicht nur Scheitern sei problematisch – richtig Erfolg haben sei in Frankreich auch nicht erlaubt, so Macron. Hier erlaubte er sich einen Seitenhieb gegen seinen konservativen Gegner Fillon, der in einen Veruntreuungsskandal verwickelt ist. Sein – vergleichbar hohes – Vermögen, das ihm in der französischen Presse oft negativ ausgelegt wird, habe er immerhin selbst erarbeitet, sagte der Macron.

Er spricht viel über Bildung, besonders über das lebenslange Lernen. Es sei in den Zeiten von Automatisierung besonders wichtig. Für mehr innere Sicherheit fordert er mehr Polizisten und eine neue Polizeistrategie in den Vororten sowie Reformen des Strafrechts. Nicht rechts oder links will er sein, pragmatisch. Und freiheitlich: libérer und liberté sind die wichtigsten Vokabeln – mehr Freiraum für Lehrer, ihre Unterrichtseinheiten zu gestalten, mehr Freiheit für Wissenschaftler, ihrer Forschung nachzugehen, mehr Freiheit für Unternehmen. Mit seinem Fokus auf Freiheit, Wissenschaft, Frauenrechte („Ich bin ein Feminist“), stilisiert er sich zum liberalen Gegenentwurf zu Trump & Co. Beim Publikum kommt das an. #MacronLondres trendet während der Veranstaltung auf Twitter. Tausende Bilder und Zitate werden geteilt.

Positives zur EU

Besondere Begeisterung geht durch den Saal, als Macron über Europa und die EU spricht. Regelrecht ausgehungert nach einer positiven Vision Europas erscheinen die Londoner Franzosen, die seit der Brexit-Wahl (und eigentlich auch davor) fast ausschließlich Negatives über Europa hören mussten. Macron positioniert sich klar: Er glaubt an Europa, steht hinter der EU. Zugleich will er angebrachte Kritik nicht den EU-Gegnern überlassen: „Wir können nicht dasselbe Europa wie vor zehn Jahren haben“. Reformen, wo Reformen nötig seien. Kooperation, wo sie Sinn mache. Im Sicherheitsbereich wolle er mehr mit Deutschland zusammenarbeiten – und mit Großbritannien. Das Publikum ist begeistert. Von „Macron-Mania“ schreibt die Londoner Tube-Zeitung Metro noch am selben Abend: „French expats go mad for Macron as would-be president visits London.“

Doch kosmopolitische, pro-europäische Wähler/innen in London zu überzeugen, ist eine Sache. Wählerinnen und Wähler in Frankreich eine andere. In den Umfragen hat Macrons konservativer Gegenspieler François Fillon wieder zugelegt. Der Einzug Macrons in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen ist nicht garantiert. Insofern war der Besuch in London für den unabhängigen Kandidaten trotz der geografischen Entfernung ein Heimspiel. Für die Präsidentschaft muss jedoch auch das Auswärtsspiel auf heimischen Boden – nämlich außerhalb der Großstädte in den ländlichen Regionen – gewonnen werden.

 

 

 

Ulrike Franke
Ulrike Franke
Ulrike Franke arbeitet beim European Council on Foreign Relations (ECFR) in London und promoviert in Oxford. Sie hat 2015 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen. Twitter: @rikefranke

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