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Frauenrechte als Scheinlegitimation für Islamfeindlichkeit

Nicolas Sarkozys Sprüche zur ‚gallischen Identität‘ aus dem Vorwahlkampf des konservativen Lagers klingen noch nach. Das Streben nach einem unveränderlichen Kern des französischen Seins bestimmt auch die Rhetorik des sich trotz der Affären noch haltenden konservativen Kandidaten, François Fillon. Hinzu kommt der bekannte Diskurs Marine Le Pens.

Auf der Suche nach einer homogenen Identität

„Wir müssen die Einwanderung auf ein striktes Minimum reduzieren“, so Fillon bei einer Wahlkampfveranstaltung in Lyon. „Unser Land ist keine Summe von Gemeinschaften, es ist eine Identität!“ Denn: „Dieses Land ist die Tochter des Christentums und der Aufklärung.“ Gehören dann all diejenigen, die sich vom patriarchal geprägten Christentum und den eurozentristischen Vorstellungen der Aufklärung distanzieren, nicht zu Frankreich? Um eine vermeintlich homogene gesellschaftliche Identität herzustellen, hat sich in Europa die Abgrenzung von einem Islam, der als Gegensatz zu Christentum und Aufklärung gedeutet wird, etabliert. Nicht nur in Frankreich dient der Diskurs um eine als rückständig konstruierte orientalische Kultur dazu, das ‚Eigene‘ zu bestimmen und hervorzubringen, wie Edward Said bereits 1978 in seinem Werk „Orientalismus“ umfassend darlegte. Der Islam bekommt besonders dann den Stempel „das Andere schlechthin“ aufgedrückt, wenn deutlich zu werden droht, dass das ‚Eigene‘ gar keinen unveränderlichen Kern besitzt. Dies geschieht in Momenten, in denen Menschen die Frage: „Wie wollen wir miteinander leben?“ neu aushandeln.

Die Entdeckung der Frauenrechte

Beliebter Bestandteil der Überzeugung, anderen überlegen zu sein, und Element der Konstruktion einer fortschrittlichen nationalen Identität sind die Rechte von Frauen. Ein Phänomen, das Sara R. Farris zu der Begriffsschöpfung „Femonationalismus“ führte. Ein solcher mit Frauenrechten verbundener Nationalismus findet sich auch im Wahlkampf von Fillon und Le Pen. Erst kürzlich entdeckte Le Pen den Feminismus für sich. Sie zitierte sogar Simone de Beauvoir: „Vergesst nie, dass es nur zu einer politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Krise kommen muss, um die Frauenrechte in Frage zu stellen“ – nur um dann zu betonen: „Und ich befürchte, dass die Flüchtlingskrise der Anfang vom Ende der Frauenrechte ist“, so Le Pen in der Tageszeitung L’Opinion.

In Fillons Wahlkampfprogramm findet sich ein eigener Abschnitt zu Frauen. Hier heißt es: „Es ist heutzutage unmöglich, das Problem des radikalen Islams zu thematisieren, ohne dieses direkt mit der Problematik der gesellschaftlichen Rolle von Frauen zu verbinden. Dass diese zwei Thematiken untrennbar sind, liegt daran, dass die Frau von muslimischen Fundamentalisten regelrecht als ein ideologischer Marker instrumentalisiert wird (…).“ Was er damit konkret meint, führte Fillon in einem Interview mit der französischen Zeitschrift Elle aus: „Genau wie Sie meine ich, dass es die Pflicht der gesamten Gesellschaft ist, die Gleichheit zwischen Männern und Frauen zu sichern. Und deswegen habe ich mich besonders gegen die Burka, dieses Gefängnis aus Stoff, eingesetzt.“ Damit erscheint das Verbot, im öffentlichen Raum eine Burka zu tragen, als entscheidender Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter.

Fatale Allianz

Mit ihren Argumentationen schlagen Fillon und Le Pen zwei Fliegen mit einer Klappe: Als Kern der französischen und ihrer persönlichen Identität heben sie eine vermeintlich vollständige Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern hervor. Mit deren Bedrohung legitimieren sie gleichzeitig die ablehnende Haltung gegenüber dem Islam, Muslimen und insbesondere männlichen Migranten.

Zunächst ist es immer diskriminierend, ganze Bevölkerungsgruppen, wie Muslime oder Geflüchtete, mit einer bestimmten Eigenschaft – in diesem Fall einer negativen Einstellung gegenüber den Rechten von Frauen – in Verbindung zu bringen. Darüber hinaus müssen wir solche fatalen Allianzen von Rassismus und Feminismus hinterfragen: Sehen sich insbesondere muslimische Frauen tatsächlich vor allem durch muslimische Männer bedroht? Oder nicht vielmehr durch einen rassistischen gesellschaftlichen Diskurs? 81,5 Prozent der islamophoben Gewalt richtet sich in Frankreich im Jahr 2014 nach einer Studie des Collectif Contre l’Islamophobie en France gegen Frauen. Und: Sind diejenigen, die sich hier so fortschrittlich für Frauenrechte aussprechen, tatsächlich Verfechter dieser Rechte? Die Positionen von Fillon und Le Pen insbesondere zur Abtreibungsfrage lassen dies bezweifeln.

Es bleibt zu hoffen, dass sich im weiteren Verlauf des Wahlkampfes Stimmen finden werden, die sich weniger mit der Skizze eines bedrohlichen Islambildes beschäftigen. Notwendig ist viel mehr, eine offenen und beweglichen Version des ‚Eigenen‘ zu entwickeln und zu benennen.

 

Weiter lesen:

Sara R. Farris: Femonationalismus und Staatsfeminismus, in: Katharina Walgenbach, Anna Stach (Hrsg.): Geschlecht in gesellschaftlichen Transformationsprozessen, Opladen/Berlin/Toronto 2014, S. 75–90.

Edward Said, Orientalismus, Frankfurt a. M. 2014.

Lina Brink
Lina Brink
Lina Brink promoviert am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen. Sie hat 2011 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.

1 Kommentar

  1. […] als Scheinlegitimation für Islamfeindlichkeit, in: Liberté, Égalité, Élysée, URL: https://frankreich.dgap.org/2017/02/20/frauenrechte-als-scheinlegitimation-fuer-islamfeindlichkeit/, zuletzt aufgerufen am […]

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