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Der französische Präsidentschaftswahlkampf aus britischer Sicht

Großbritannien ist mit sich selbst beschäftigt …

Allein aufgrund der anstehenden Brexit-Verhandlungen sollten die Briten eigentlich ein besonderes Interesse an der französischen Präsidentschaftswahl haben. Ohne guten Willen vonseiten des Kontinents läuft Großbritannien Gefahr, am Ende der zweijährigen Verhandlungen hart auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen. Auf dem Papier mag Frankreich nur eins von 27 EU-Mitgliedsländern sein. Doch die Stimme des zweitgrößten Landes der Union ist für das Vereinigte Königreich wichtig. Frankreich wird nach dem Austritt Großbritanniens die führende Militärmacht der EU sein, was auch seine Rolle innerhalb der NATO beeinflussen könnte. Insofern sollte man denken, dass Großbritannien mit besonderer Aufmerksamkeit auf den französischen Wahlkampf schaut, dem es mit dem „Penelopegate“ und der Möglichkeit eines Sieges der Kandidatin des rechtsradikalen Front national nicht an Aufregungspotenzial mangelt.

… und die französische Wahl ist kaum Thema

Doch in London spürt man hiervon wenig. Die britische Bevölkerung zeigt kaum Interesse. Die Qualitätsmedien besprechen zwar die Präsidentschaftskampagnen. Aber es bleibt weitestgehend bei Berichten über Fakten sowie über die letzten Entwicklungen. Die Tabloid-Presse, deren Einfluss und Reichweite in Großbritannien gar nicht überschätzt werden kann, hat derzeit genug damit zu tun, Richter zu beleidigen, die die parlamentarische Kontrolle über die Brexit-Entscheidung garantieren wollen, und Donald Trumps letzten Tweet zu diskutieren. Dem englischen Tabloid-Leser dürfte daher lediglich Marine Le Pen ein Begriff sein. Dass die rechtsextreme Kandidatin Chancen auf einen Sieg hat, wird diskutiert. Aber aufgrund der aktuellen Weltlage ist selbst das selten first page news. Der Skandal um François Fillon läuft größtenteils unter another story of corruption in French politics.

In den besser informierten Kreisen der britischen Hauptstadt ist das Wissen um die verschiedenen Kandidaten größer. Doch es herrscht Unsicherheit darüber, welche Auswirkungen ihre Wahl haben könnte. Größte Sorge bereitet den Londoner political pundits, dass die populistische Welle des Jahres 2016 Marine Le Pen ins höchste politische Amt tragen könnte. Die Wahl Donald Trumps, so das Kalkül, könnte den Wunsch französischer Wähler nach ähnlich drastischen Veränderungen gestärkt haben. Aktuelle Umfragen mögen die Wahrscheinlichkeit eines Sieges der FN-Kandidatin gering erscheinen lassen, doch nach den fehlerhaften Prognosen zum Brexit und zur US-Wahl verlässt sich in London niemand mehr auf Umfragen. Hinter vorhergehaltener Hand kann man auch die Aussage hören, dass ein Sieg Le Pens das Ende der EU bedeuten könnte – und sich damit auch das Brexit-Problem gelöst hätte. Größer ist jedoch in der Regel die Sorge, dass eine weitere Schwächung oder gar ein Auseinanderbrechen der EU durch die französische Wahl eine europäische Wirtschaftskrise auslösen könnte, von der auch Großbritannien nicht verschont bliebe.

Französische Wähler in Großbritannien ansprechen

François Fillon wurde lange vor allem als der Kandidat gesehen, der Le Pen stoppen könnte. Nachdem er sich durch umstrittene Zahlungen an seine Frau und Kinder zunehmend ins Abseits manövriert hat, ist das Interesse an Emmanuel Macron stark angestiegen. Viele hoffen, er könne die populistische Welle in Europa stoppen und vielleicht gar die Briten zurück in eine europäischere Denkweise ziehen. Doch bisher ist zu wenig Substantielles über den Ärmelkanal gekommen, als dass inhaltliche Diskussionen Sinn machten – Emmanuel Macron hat noch nicht einmal ein Wahlprogramm publiziert. Insofern wird sein Besuch in London mit Spannung erwartet. Ende Februar 2017 wird der Kandidat und Gründer der En Marche-Bewegung den französischen Wählern in London seine Aufwartung machen. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass über 300.000 Franzosen in England leben, die große Mehrheit davon in London. Sie wählen nicht nur den Präsidenten direkt, sondern sind auch durch einen der zwölf Auslandsabgeordneten in der französischen Assemblée nationale vertreten. Derzeit ist es der Sozialist Christophe Premat, dessen Wahlkreis zehn Länder, inklusive Großbritanniens, einschließt.

Es ist davon auszugehen, dass diese Wähler den pro-europäischen Macron freundlich begrüßen werden. Seine Vergangenheit als Rothschild-Banker wird ihm in der europäischen Finanzhauptstadt höchstwahrscheinlich auch nicht negativ ausgelegt werden. Marine Le Pen wird hier keine Chance haben. Ob diese Sichtweise jedoch von der Mehrheit der französischen Wähler geteilt wird, bleibt abzuwarten.

 

Ulrike Franke
Ulrike Franke
Ulrike Franke arbeitet beim European Council on Foreign Relations (ECFR) in London und promoviert in Oxford. Sie hat 2015 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen. Twitter: @rikefranke

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