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Francois Fillon, member of Les Republicains political party and 2017 presidential candidate of the French centre-right, looks at pigs during a visit at a farm in Chantenay-Villedieu, western France, December 1, 2016. REUTERS/Stephane Mahe - RTSU71W

Auf welche Kommunikation wir uns im französischen Präsidentschaftswahlkampf einstellen können

Liken, teilen, kommentieren – ein Patentrezept, das Kommunikationsgurus empfehlen, wenn es darum geht, Wählerstimmen zu gewinnen. Das knappe Rennen zwischen Donald Trump und Hillary Clinton in den USA 2016 hat es erneut gezeigt: Soziale Medien und Online-Inszenierung sind im 21. Jahrhundert ein untrennbarer Bestandteil im Kampf um Macht und Themen geworden. Sie scheinen gelegentlich den klassischen Mobilisierungsapparat der Parteien abzulösen. Eine Schlussfolgerung, die auch schon für die französischen Présidentielles 2017 gilt?

Immerhin kommt es auch dort bei einer Direktwahl zum höchsten Amt im Staat darauf an, Herz und Verstand der Bürgerinnen und Bürger auf verschiedenen Wegen zu erreichen – und idealerweise im richtigen Moment an sich zu binden. Gleichzeitig bleiben Strategien politischer Kommunikation – trotz globalisierter Technologie – eine zutiefst kontextabhängige Angelegenheit. Will heißen: Ob französische Präsidentschaftsbewerberinnen und -bewerber das nicht immer berechenbare Wahlvolk erreichen, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Zudem ist deren Mischung entscheidend. Welche Trends kann man also im Bereich Kommunikation- & Kandidaten-PR erwarten, wenn wir Richtung April 2017 blicken? Was hat sich im vergangenen Jahr bereits abgezeichnet? Zwei Perspektiven:

Markenzeichen „présidentiable“

„Ich kann Präsident!“: Diese Botschaft müssen die derzeitigen Kandidatinnen (in der Minderheit) und Kandidaten (in der Mehrheit) vermitteln. Dazu mobilisieren sie sogenannte „mouvements“, also politische Bewegungen. Im Wettbewerb um die „Präsidentenfähigkeit“ („être présidentiable“) spielt Kommunikation eine zentrale Rolle. Wie zeige ich, dass ich für alle Menschen im Land spreche, einen klaren politischen Kurs habe und in Krisensituationen auch einen kühlen Kopf bewahren kann? Zum einen, indem ich eine aktive (Massen-)Anhängerschaft mobilisiere. Zum anderen, indem ich Alleinstellungsmerkmale entwickle und damit letztendlich den „Identitätsrahmen“ einer Bewegung abstecke. Anschaulich – im wahrsten Sinne des Wortes – vermittelt diesen Konkurrenzkampf die jeweilige grafischen Gestaltung der Blogs oder Webpages der Kandidaten. Bin ich „modern“, „seriös“, „jugendlich“, „kreativ“, „erfahren“, „einer von euch“?

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch die Nutzung sozialer Medien durch die Kandidaten-Teams setzt hier Akzente. Exemplarisch hat sich das im bürgerlich-konservativen Lager während des Vorwahlkampfs Ende 2016 gezeigt: Nutzte Ex-Minister Bruno Le Maire bewusst Tools wie Snapchat, dem vor allem in der Generation U-30 beliebten Foto-Messenger-Dienst, zog Ex-Präsident Sarkozy „klassische“ Facebook-Postings vor. Jean-Francois Copé dagegen zeigte sich auffällig skeptisch gegenüber derartig „oberflächlich“ und „schnelllebig“ anmutenden Kommunikationsformen.

Die Vorwahlen gewann letztendlich Ex-Premier François Fillon mit einer relativ nüchternen, aber zielgerichteten Webpräsenz und keiner besonderen Vorliebe für ein einzelnes soziales Medium.

Meinungsnetzwerke knüpfen

Französische Wahlkampfteams jeder Couleur haben erkannt, dass Online-Dienste wie Twitter, Facebook und Youtube essentielle Kommunikationskanäle sind. Neue Apps wie NationBuilder oder DigitaleBox ermöglichen ungeahnte Super-Organisationsstrategien. Dennoch bleiben traditionelle Medien – wie TV, Hörfunk und Print – begehrte Plattformen. Die Königsdisziplin ist das cross-mediale „Storytelling“, häufig auch durch Geolokalisierung auf Google Maps unterstützt: Eine Kandidatin oder ein Kandidat muss dabei bestimmte „Offline-Rituale“, wie den Besuch eines Viehmastbetriebs in der Bretagne in Regenjacke und Gummistiefeln, genauso beherrschen wie das Absetzen von meinungsbildenden Kurznachrichten.

Gerade Letztere sind endgültig zur Institution im französischen Politikbetrieb geworden. Sie sind wiederum Teil von Identitätsmarketing im Wahlkampf. So bewirbt beispielsweise der selbsterklärt überparteiliche Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron seine Bewegung „En marche!“ mit dem Hashtag #laFrancequiunit („Frankreich, das eint“). Schließlich dienen Twitter & Co., aber auch öffentlich geäußerte Unterstützung durch Alt-Politiker, Public intellectuals, Top-Journalisten oder NGO-Vertreter, dazu, ein belastbares „Meinungsnetzwerk“ zu schaffen. Besonders in der heißen Phase des Wahlkampfs wird dies zur wertvollen Ressource.

Eine weitere, billige Variante bildet schließlich die Freerider-Strategie: Nutz das Meinungspotenzial eines gleichgesinnten Kandidaten oder einer Kampagne, die bereits international erfolgreich war.

So kann beispielsweise Marine Le Pen vom rechtsextremen Front national mit dem simplen Verweis auf das britische Brexit-Votum oder den Wahlerfolg Trumps in den USA ihren Wählern populistisch einbläuen: Genau so machen wir’s auch!

Kandidat/in Soziale Medien
Benoît Hamon Youtube; Twitter; Facebook
François Fillon Facebook; Twitter; Instagram; Youtube
Yannik Jadot Facebook; Twitter; Instagram; Youtube
Emmanuel Macron Twitter; Facebook; Instagram
Marine Le Pen Facebook; Twitter; Youtube; LinkedIn; Instagram; Snapchat
Jean-Luc Mélenchon Youtube; Twitter; Facebook
Nicolas Dupont-Aignan Facebook; Twitter; Instagram; Youtube
Martin Schiller
Martin Schiller
Martin Schiller promoviert am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der FU Berlin. Er war 2016 Teilnehmer des Deutsch-französischen Zukunftsdialogs.

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