Frankreich wählt, Russland sieht sich (fast) schon heute als Gewinner
9. Februar 2017
Zwischen Snapchat-Stories und Gummistiefeln
13. Februar 2017

Verwundert rieben sich die französischen Fernsehzuschauer die Augen. Was hatte der ehemalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy bei der Sendung „Bauer sucht Frau“ (frz. L’amour est dans le pré) zu suchen? Doch Erleichterung allerorten: Nicolas Sarkozy hatte sich weder für eine neue Karriere als Landwirt entschieden noch von seiner Ehefrau Carla Bruni getrennt. Der Privatsender M6 testete lediglich ein neues politisches Format. Die Moderatorin ist Karine Le Marchand, die normalerweise die französischen Landwirte an den Mann bzw. an die Frau bringt. Vor Kurzem sagte sie in einem Interview, dass sie noch nie gewählt habe. In der neuen Sendung „Une ambition intime“ (dt. Ein intimer Wunsch) befragt sie die Präsidentschaftskandidaten bei Kerzenlicht und einem Glas Wein. Dabei sollen weniger die Wahlprogramme als die persönlichen Lebensgeschichten der Politiker im Mittelpunkt stehen. Ein ausgeklügelter Plan, um Wählerinnen und Wähler wieder ins Wahllokal zurückzulocken?

Volkssport politische Debatte

Das Angebot an politischen Sendungen in Frankreich ist groß. Gerne und lange zu diskutieren ist dort üblich. Und auch Politikerinnen und Politiker widmen sich diesem Volkssport von morgens bis abends auf den französischen TV- und Radiosendern. Dies ist eigentlich zu begrüßen, zumal für jeden „Geschmack“ etwas dabei ist: Wer tiefgehende Debatten mag, dem seien France 5 und die Sendungen „C Politique“ und „C Polémique“ empfohlen. Hier reicht die Sendezeit aus, um auch mal nachzuhaken. Unter der Morgendusche kann man harten Auseinandersetzungen auf dem Radiosender France Info lauschen, wenn drei Journalisten den Gast des Tages „in die Zange nehmen“. Wer schnelle, komprimierte Informationen sucht, schaltet die privaten Nachrichtensender BFMTV und iTELE ein und vertraut auf die Interviewmethoden von Ruth Elkrief, Jean-Jacques Bourdin und Olivier Galzi. Im Vorfeld der Vorwahlen des bürgerlich-konservativen Lagers fanden zudem ganze drei Fernsehdebatten mit den Kandidaten statt. Auch das linke Lager trumpft gerade im Vorwahlkampf mit ähnlichen (amerikanisch anmutenden) Formaten auf.

Politainment

Angesichts des (Über-)Angebots an politischen Sendungen setzen die Verantwortlichen in den Sendern erfindungsreich auf neue Formate. In der „Emission politique“ (Die politische Sendung) auf France 2 kommt nach dem klassischen Interview die Humoristin Charline Vanhoenacker zum Einsatz. In den letzten Minuten der Sendung kann sie den Gast „durch den Kakao ziehen“. Nicht immer stößt das auf Gegenliebe:

Ich habe viel Respekt für Charline, ich finde sie sehr lustig. Ich bin jedoch nicht ganz davon überzeugt, dass es angemessen ist, eine politische Sendung auf diese Art und Weise abzuschließen.

François Fillon in der Emission politique

Das erwiderte Präsidentschaftskandidat François Fillon bei seinem Auftritt trocken. Vorher hatte die Humoristin ihn gefragt, wieso er eigentlich mehr Gefängnisplätze schaffen möchte, wo die Haft eines einzigen Politikers (Anm. d. Red., gemeint war Nicolas Sarkozy) ihm doch ausreichen würde.

Im Frankreich des „Savoir-vivre“ darf natürlich auch das Kulinarische nicht zu kurz kommen. Der Sender Numéro 23 lädt Politikerinnen und Politiker in der Sendung „Menu Président“ in einen Food Truck ein. Diskussion und Finger Food gehen hier zusammen. „Et si c’était vous?” (Und wenn Sie das gewesen wären?), fragt wiederum der Psychoanalytiker Gérard Miller monatlich im Internetsender Toute l’histoire (dt. Die ganze Geschichte). In der ersten Folge sollte der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon sich in die Haut von Robespierre versetzen. Das historische Gedankenspiel hat durchaus seinen Reiz und dürfte einiges über das politische Selbstverständnis der Politiker aussagen.

Wähler vom Fernsehsofa abholen

Nun aber zurück zu „Ein intimer Wunsch“. Das Team der Sendung hat es sich zum Ziel gesetzt, die Politiker in angemieteten Wohnungen zu empfangen, die ihrem privaten Einrichtungsstil entsprechen. Der Fernsehzuschauer weiß nun also, dass Bruno Le Maire einen modernen Industrial-Style mag; François Fillon fühlt sich im Landhausstil wohl. Die Politiker sollen „ganz privat“ gezeigt werden. Paradoxerweise bringt das Ambiente die Politiker wirklich zum Plaudern. „In der Politik kannst Du jederzeit einfach fallen gelassen werden“, erinnert sich so Bruno Le Maire an den Tag zurück, als er auf den Posten des Wirtschaftsministers hoffte und stundenlang in seinem Büro wartete, um dann eine Absage zu bekommen. Marine Le Pen beschreibt den Tag des Rauschmisses ihres Vaters aus der rechtspopulistischen Partei Front National gar als zweitschlimmsten Tag ihres Lebens; der schlimmste sei der Tag ihrer ersten Entbindung gewesen.

Dieses „Politainement“ hat nicht nur einen Kritiker in Frankreich; Intellektuelle schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Ihr Ziel hat die Sendung aber allemal erreicht. Das Magazin Inrocks titelt gar, dass Fillon die Vorwahlen dank der Sendung gewonnen habe. Der unnahbare Fillon, der „blasse Mitarbeiter“ von Sarkozy, bekam mit einem Glas Rotwein in der Hand zum ersten Mal menschliche Züge. Er plauderte über Astrologie, seine schlechten Schulzeugnisse und ließ eine Drohne steigen, seine große Leidenschaft. Statistisch lässt sich der Einfluss der Sendung natürlich nicht nachweisen. Aber die hohen Einschaltquoten lassen eine andere Schlussfolgerung zu. Dort wo viele Beobachter eine Überdosis an politischen Sendungen vermuten, haben die französischen Medien vielmehr eine breite Palette an Formaten geschaffen, die wirklich alle Wählerinnen und Wähler abholen will. Angesichts der aktuellen Demokratie- und Vertrauenskrise ist dieser „Bildungsauftrag“ nicht zu unterschätzen, auch wenn die Mittel zum Zweck natürlich diskutierbar sind.

Nele Wissmann
Nele Wissmann
Nele Katharina Wissmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Auslandsbüro Frankreich der Konrad-Adenauer-Stiftung, Paris. Bis 2016 betreute sie den Deutsch-Französischen Zukunftsdialog beim Ifri.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.