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Foto: mrholle, CC BY-NC-SA 2.0/Quelle: flickr

Religion spielt in der französischen Politik traditionell explizit keine Rolle. Laut Verfassung ist die Republik laizistisch und in Umfragen erheben die Franzosen die laïcité zum wichtigsten der republikanischen Werte. Bekenntnisse zum Laizismus gehören daher zum guten politischen Ton. Dass sich das Prinzip mitunter vortrefflich eignet, muslimische Wünsche und Forderungen einzuhegen, kommt manchen zusätzlich sehr gelegen.

Im französischen Präsidentschaftswahlkampf lagen die Dinge bislang etwas anders. Zwar scheiterte der Vertreter der christdemokratischen Partei (die ohnehin nur ein Nebenakteur in der französischen Politik ist) mit mageren 1,5 Prozent bei den Vorwahlen der Konservativen. Doch deren Sieger, François Fillon, fährt in dieser Frage einen recht offensiven Kurs – ein Novum für die französische Rechte. Dass es hierfür ein nicht zu vernachlässigendes Wählerreservoir gibt, dürfte unbestritten sein. Zum ersten Mal seit Langem wird daher in Frankreich beim Thema „Religion“ auch über den Katholizismus diskutiert und nicht allein über den Islam. Keine Rolle spielt die Religion indes in der aktuellen Debatte u.a. um Penelope Fillons mögliche lukrative Scheintätigkeit, die François Fillon durchaus den Wahlsieg kosten könnte – wenn nicht sogar die Präsidentschaftskandidatur.

„Gaullist und obendrein Christ“

In der französischen Debatte ist dies nicht ohne Kritik geblieben. Diese war aus allen politischen Lagern zu vernehmen. Der Sozialist Manuel Valls beklagte, dass mit Fillon erstmals ein Politiker sein Programm „als katholisch definiert“. Dies stehe im Widerspruch zum Laizismus und führe zudem zu einer „montée des communautarismes“ – ein Phänomen, das seine deutsche Entsprechung wohl am ehesten in den gefürchteten Parallelgesellschaften hat. Der Zentrist François Bayrou äußerte ähnliche Befürchtungen. Und auch am konservativen Ende des politischen Spektrums stößt Fillons Diskurs keinesfalls nur auf Zustimmung. So erklärte etwa Nicolas Dupont-Aignan von „Debout la France“, seinen Glauben zu politischen Zwecken zu nutzen sei „Hochmut“ und „vermutlich nicht sehr christlich“. Fillon hat es somit geschafft, das Thema Religion, und vor allem seine Religion, zu einem der – bislang – meistdiskutierten Themen des Wahlkampfes zu machen. Er hat seine Gegner gezwungen, sich in dieser Frage zu positionieren. Hintergrund der geäußerten Kritik ist freilich nicht nur die Sorge um den Laizismus als Grundpfeiler der Republik. Konkretere Bedenken dürften sich auch auf die Befürchtung beziehen, dass Fillon sein deutlich thatcheristisch angehauchtes Wahlprogramm hinter seinem christlichen Diskurs verschleiern könnte.

Konservativer Gesellschaftsentwurf

Umfragen zufolge gewann der Überraschungssieger die Vorwahlen seiner Partei unter anderem deswegen, weil er die konservativen Katholiken aus der französischen Provinz von seinem Programm überzeugen konnte. Dabei kann er beispielsweise auf die Unterstützung der Bewegung „manif pour tous“ zählen („Demonstration für alle“, in Anspielung auf die Homoehe, die in Frankreich „Ehe für alle“, „mariage pour tous“, heißt). Die Bewegung tritt für ein traditionelles Familienbild ein. Sie findet ihre politische Entsprechung innerhalb der Républicains in der Vereinigung „Sens Commun“. Anders als der (in deutschem Sinne) liberale Alain Juppé vertritt Fillon insbesondere in gesellschaftspolitischen Fragen konservative Positionen – und dies mit einer Art gelassener Selbstverständlichkeit, die ihn trotz ähnlicher Inhalte von seinem früheren Rivalen Nicolas Sarkozy unterscheidet. So sprach sich Fillon von Anfang an gegen die Homoehe aus und möchte das geltende Adoptionsrecht für homosexuelle Paare verschärfen. Auch den Islam sieht er kritisch und widmete seiner Warnung vor einer befürchteten Islamisierung Frankreichs ein eigenes Buch. Beachtenswert dabei ist, dass sich Fillon keinesfalls in den Dienst der Kirche stellt. Auch ist er in der Vergangenheit zwar durchaus als konservativ bekannt gewesen, nicht jedoch als übermäßig „katholisch“. Ob sein aktueller Kurs vor allem als wahltaktisches Manöver einzuschätzen ist, um in ein für Fillon interessantes Wählerreservoir vorzustoßen, bleibt daher abzuwarten. Diese Wählergruppe aus der ländlichen, katholisch-konservativen Mittelschicht, die sich nach Bodenständigkeit und Redlichkeit sehnt und mit den abgehobenen Pariser Eliten wenig anfangen kann, könnte ansonsten Sympathien für Marine Le Pen hegen. Welche Auswirkungen der aktuelle Skandal um François Fillon auf die Wahlentscheidung hat, lässt sich noch nicht absehen. Klar ist jedoch, dass er im weiteren Verlauf der Kampagne kaum mehr mit seinem Saubermann-Image wird punkten können. Ob sich Wähler von rechts außen daran stören, ist indes unklar. In Sachen Finanzskandale ist auch der FN kein Kind von Traurigkeit.

Barbara Kunz
Barbara Kunz
Dr. Barbara Kunz ist seit April 2015 Wissenschaftlerin im Comité d'études des relations franco-allemandes (CERFA), Ifri, Paris, und hat 2008 am Deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen.
Katrin Sold
Katrin Sold
Katrin Sold ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien an der Philipps-Universität Marburg. Bis 2015 betreute sie den Deutsch-französischen Zukunftsdialog bei der DGAP.

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